Critical rationalist, proactive pacifist, economically and politically promoting fair play with heart, strictly secular, agnostic but atheist regarding the gods of each religion I got acquainted with so far,
"Um Platon zu verstehen, müssen wir uns die ganze zeitgenössische Situation vor Augen führen. Nach dem Peloponnesischen Krieg wurde die Last der Zivilisation so schwer wie nie zuvor. Die alten oligarchischen Hoffnungen waren noch immer lebendig, und die Niederlage Athens trug sogar dazu bei, sie zu ermutigen. Der Klassen-kampf dauerte weiter an. Doch der Versuch des Kritias, die Demokratie zu zerstören und das Programm des alten Oligarchen durchzuführen, war fehlgeschlagen. Nicht aus Mangel an Entschiedenheit. Der rücksichtslose Gebrauch von Gewalt hatte sich als erfolglos erwiesen, trotz günstiger Umstände in Gestalt einer mächtigen Unterstützung von seiten des siegreichen Sparta. Platon fühlte die Notwendigkeit einer völligen Rekonstruktion des Programmes. Die Dreißig waren auf dem Gebiet der Machtpolitik hauptsächlich deshalb gescheitert, weil sie den Gerechtigkeitssinn der Bürger beleidigt hatten. Ihre Niederlage war vor allem eine moralische Niederlage gewesen. Der Glauben an die große Generation hatte seine Stärke bewiesen. Die Dreißig hatten nichts Ähnliches zu bieten – sie waren moralische Nihilisten. Das Programm des alten Oligarchen, das fühlte Platon, konnte nicht belebt werden, wenn man es nicht auf einen anderen Glauben gründete, auf einen Glauben, der die alten Stammeswerte wieder herstellte und sie dem Glauben an die offene Gesellschaft entgegensetzte. Die Menschen müssen gelehrt werden, daß Gerechtigkeit Ungleichheit ist und daß der Stamm, das Kollektiv, höher steht, als das Individuum." Karl Popper [1945], Kapitel 10, Abschnitt IV
"Dieser Traum von Einheit, Schönheit, Vervollkommnung, dieser Ästhetizismus, Holismus und Kollektivismus, ist Wirkung und Symptom des verlorenen Gruppengeistes des Stammes68. Er drückt die Gefühle und Hoffnungen aller Menschen aus, die unter der Last der Zivilisation leiden, und er appelliert an diese Gefühle. (Es gehört zu dieser Last, daß wir uns der Unvollkommenheiten unseres Lebens, der persönlichen wie auch der institutionellen Unvollkommenheiten, immer mehr und immer schmerzlicher bewußt werden; daß wir vermeidbares Leiden, Verschwendung und unnötige Häßlichkeit in immer größerem Ausmaße bemerken; und daß wir zur gleichen Zeit erkennen, daß es uns nicht unmöglich ist, etwas zur Verbesserung beizutragen; daß aber solche Verbesserungen ebensoschwer zu erreichen sind, als sie wichtig sind. Diese Gewißheit vergrößert die Last der persönlichen Verantwortung: wir tragen das Kreuz dafür, daß wir menschlich sind.)" Karl Popper [1945], Kapitel 10, Abschnitt IV
"Ich nehme an, daß das, was ich die «Last der Zivilisation» nenne, dem Phänomen ähnlich ist, das Freud vorschwebte, als er Das Unbehagen in der Kultur schrieb. Toynbee spricht von einer Empfindung des Dahintreibens (A Study of History V 412 ff.), aber er beschränkt es auf «Perioden der Auflösung», während ich das, was ich meine, sehr klar bei Heraklit ausgedrückt finde (Spuren finden sich bereits bei Hesiod); – und das lange vor der Zeit, zu der sich das, was Toynbee die «hellenische Gesellschaftsordnung» nennt, «aufzulösen» beginnt. Meyer spricht vom Verschwinden der «Geburtsstände, welche jedem Menschen seine Lebensstellung, seine bürgerlichen und sozialen Rechte und Pflichten und mit dem ererbten Beruf zugleich einen sicheren Erwerb unabänderlich zuwiesen» (Geschichte des Altertums, 1. Auflage, 1901 III 542). Diese Stelle gibt eine gute Beschreibung der Spannung in der griechischen Gesellschaftsordnung des fünften vorchristlichen Jahrhunderts." Karl Popper, [1945], Fußnote 8 zu Kapitel 10.
"In order to understand Plato we must visualize the whole contemporary situation. After the Peloponnesian war, the strain of civilization was felt as strongly as ever. The old oligarchic hopes were still alive, and the defeat of Athens had even tended to encourage them. The class struggle continued. Yet Critias’ attempt to destroy democracy by carrying out the programme of the Old Oligarch had failed. It had not failed through lack of determination; the most ruthless use of violence had been unsuccessful, in spite of favourable circumstances in the shape of powerful support from victorious Sparta. Plato felt that a complete reconstruction of the programme was needed. The Thirty had been beaten in the realm of power politics largely because they had offended the citizens’ sense of justice. The defeat had been largely a moral defeat. The faith of the Great Generation had proved its strength. The Thirty had nothing of this kind to offer; they were moral nihilists. The programme of the Old Oligarch, Plato felt, could not be revived without basing it upon another faith, upon a persuasion which re-affirmed the old values of tribalism, opposing them to the faith of the open society. Men must be taught that justice is inequality, and that the tribe, the collective, stands higher than the individual." Karl Popper [1945], Ch. 10, Section IV
"This dream of unity and beauty and perfection, this aestheticism and holism and collectivism, is the product as well as the symptom of the lost group spirit of tribalism. It is the expression of, and an ardent appeal to, the sentiments of those who suffer from the strain of civilization. (It is part of the strain that we are becoming more and more painfully aware of the gross imperfections in our life, of personal as well as of institutional imperfection; of avoidable suffering, of waste and of unnecessary ugliness; and at the same time of the fact that it is not impossible for us to do something about all this, but that such improvements would be just as hard to achieve as they are important. This awareness increases the strain of personal responsibility, of carrying the cross of being human.)" Karl Popper [1945], Chapter 10, Section IV
"I suppose that what I call the ‘strain of civilization’ is similar to the phenomenon which Freud had in mind when writing Civilization and its Discontents. Toynbee speaks of a Sense of Drift (A Study of History, V, 412 ff.), but he confines it to ‘ages of disintegration’, while I find my strain very clearly expressed in Heraclitus (in fact, traces can be found in Hesiod)—long before the time when, according to Toynbee, his ‘Hellenic society’ begins to ‘disintegrate’. Meyer speaks of the disappearance of ‘The status of birth, which had determined every man’s place in life, his civil and social rights and duties, together with the security of earning his living’ (Geschichte des Altertums, III, 542). This gives an apt description of the strain in Greek society of the fifth century B.C." Karl Popper, [1945], footnote 8 to Chapter 10.
"Der Zusammenbruch der Stammesformen, der geschlossenen Gesellschaftsordnungen Griechenlands, läßt sich bis auf die Zeit zurückverfolgen, in der das Wachstum der Bevölkerung sich in der herrschenden Klasse der Grundbesitzer fühlbar machte. Dies bedeutete das Ende der «organischen» Gebundenheit an den Stamm. Denn damit entstanden soziale Spannungen innerhalb der geschlossenen Gesellschaft der herrschenden Klasse. Zuerst schien es eine gewissermaßen «organische» Lösung dieses Problems zu geben, nämlich durch die Gründung von Tochterstädten. (Der «organische» Charakter dieser Lösung wird durch die magischen Prozeduren unterstrichen, die man bei der Aussendung der Kolonisten einhielt.) Aber dieses Ritual der Kolonisation konnte den Zusammenbruch nur hinausschieben. Es schuf sogar neue Gefahrenzonen, überall dort, wo es zur Berührung mit fremden Kulturen führte. Denn dort entstand die vielleicht größte Gefahr für die geschlossene Gesellschaft, der Handel, sowie eine neue Klasse, die sich mit Handel und Schiffahrt beschäftigte. Im sechsten Jahrhundert v. Chr. hatte diese Entwicklung zur teilweisen Auflösung der alten Lebensformen und sogar zu einer Reihe politischer Revolutionen und Reaktionen geführt. Und sie hatte nicht nur, wie in Sparta, zu Versuchen Anlaß gegeben, die alte Stammesform zu retten und die begonnene Entwicklung gewaltsam zum Stillstand zu bringen, sondern auch zu jener großen geistigen Revolution, zur Erfindung der kritischen Diskussion und damit zu einem Denken, das frei war von der Starrheit magischer Zwangsvorstellungen. Zur gleichen Zeit finden wir die ersten Symptome eines neuen Unbehagens. Die Last der Anforderungen der Zivilisation begann fühlbar zu werden.
Diese Last, dieses Unbehagen, ist eine Folge des Zusammenbruchs der geschlossenen Gesellschaftsordnung. Sie wird auch heute noch gefühlt (und in Deutschland gerne mit dem Hegelianisch-sentimentalen Namen «Selbstentfremdung des Menschen» belegt). Es ist eine Last, die von allen getragen werden muß, die in einer offenen und teilweise abstrakten Gesellschaft leben und die sich bemühen müssen, vernünftig zu handeln, zumindest einige ihrer emotionalen und natürlichen sozialen Bedürfnisse unbefriedigt zu lassen und für sich und für andere verantwortlich zu sein. Wir müssen, glaube ich, die Last auf uns nehmen, als einen Preis, den wir zahlen müssen für jede neue Erkenntnis, für jeden weiteren Schritt zur Vernunft, zur Zusammenarbeit, zur gegenseitigen Hilfe; für jede Verlängerung des durchschnittlichen Lebensalters; und für jeden Bevölkerungszuwachs. Es ist der Preis für die Humanität." Karl Popper [1945], Kapitel 10, Abschnitt 2
"Die Lehren vom auserwählten Volk, der auserwählten Rasse und der auserwählten Klasse haben folgendes gemeinsam: Sie alle entstanden als Reaktion gegen irgendeine Unterdrückung und gewannen auf diese Weise an Bedeutung. Die Lehre vom auserwählten Volk erhielt ihre Bedeutung zur Zeit der Gründung der jüdischen Kirche, d. h. während der Babylonischen Gefangenschaft; Graf Gobineaus Theorie von der arischen Herrenrasse war eine Reaktion des aristokratischen Emigranten auf die Behauptung, die Französische Revolution habe die teutonischen Herren mit Erfolg vertrieben. Marx’ Prophezeiung vom Sieg des Proletariats ist die Antwort auf eine der düstersten Perioden der Unterdrückung und Ausbeutung in der modernen Geschichte." Karl Popper [1945] Footnote 3 to Chapter 1
"Die Lehre vom auserwählten Volk ist das Produkt einer Gesellschaft, die in Stämmen organisiert ist. Der Tribalismus, das heißt das Hervorheben der außerordentlichen Bedeutung des Stammes, ohne den das Individuum nicht die geringste Bedeutung besitzt, ist ein Element, das wir in vielen Formen historizistischer Theorien finden werden. [...] Eine andere Seite der Lehre vom auserwählten Volk ist, daß das, was als das Ziel der Geschichte hingestellt wird, in der fernsten Zukunft liegt. Dieses Ziel läßt sich zwar mit einer gewissen Bestimmtheit beschreiben. Dennoch haben wir einen langen Weg zurückzulegen, um es zu erreichen. Und dieser Weg ist nicht nur lang, sondern verschlungen, er führt aufwärts, abwärts, nach rechts und nach links. Es ist daher möglich, jedes erdenkliche historische Ereignis in diesem Deutungsschema unterzubringen: Keine erdenkliche Erfahrung kann das Schema widerlegen. Denen aber, die an es glauben, verleiht es Sicherheit in bezug auf den schließlichen Ausgang der menschlichen Geschichte." Karl Popper [1945] Ch.1
"Zu Beginn stand das Christentum wie auch die kynische Bewegung im Gegensatz zum gelehrten platonisierenden Idealismus und Intellektualismus der schreibenden Autoren, der "Schriftgelehrten". ("Du hast diese Dinge vor den Weisen und Klugen verborgen und sie den Kindern geoffenbart.") Ich zweifle nicht, dass es teilweise ein Protest war gegen eine Bewegung, die man als den jüdischen Platonismus im weiteren Sinn beschreiben könnte, ein Protest gegen die abstrakte Verehrung Gottes und seines Worts. Und es war ganz gewiß ein Protest gegen die jüdische Stammesgesellschaft, gegen ihre starren und leeren Stammestabus und gegen die Exklusivität des jüdischen Stammes, die sich zum Beispiel in der Lehre vom auserwählten Volk äußerte, das heißt in einer Interpretation der Gottheit als Stammesgott. Es scheint, daß ein derartiges Betonen der Stammesgesetze und der Einheit des Stammes nicht so sehr eine primitive Stammesgesellschaft charakterisiert, sondern daß es vielmehr ein verzweifelter Versuch ist, die alten Formen des Stammeslebens wiederherzustellen und festzuhalten. Und im Fall des Judentums scheint es eine Reaktion gegen die Auswirkungen der babylonischen Eroberungen auf das jüdische Stammesleben gewesen zu sein. Aber Seite an Seite mit dieser Bewegung zu größerer Starrheit finden wir eine andere Bewegung, die gleichzeitig entstanden sein dürfte und die humanitäre Ideen produzierte, Ideen, welche der Reaktion der großen Generation auf die Auflösung des griechischen Stammeslebens sehr ähnlich waren. Dieser Prozeß scheint sich wiederholt zu haben, als die jüdische Unabhängigkeit schließlich von Rom zerstört wurde. Das führte zu einem neuen und tieferen Schisma zwischen den beiden möglichen Lösungen, der Rückkehr zum Stamm, dargestellt vom orthodoxen Judentum, und der humanitären Einstellung der neuen Sekte der Christen, die Barbaren (oder Heiden) und auch Sklaven umfaßte. Aus der Apostelgeschichte können wir ersehen, wie ernsthaft diese Probleme waren, das soziale Problem und das nationale Problem; und dasselbe läßt sich aus der Entwicklung des Judentums ablesen; denn die Konservativen reagierten auf genau dieselbe Situation mit einem zweiten Versuch, ihre Stammeslebensformen festzuhalten und zu versteinern, indem sie sich an ihre «Gesetze» klammerten mit einer Zähigkeit, die den Beifall Platons gewonnen haben würde. Es läßt sich kaum bezweifeln, daß diese Entwicklung, wie auch die Entwicklung der Ideen Platons, durch einen starken Widerstand gegen das neue Kredo der offenen Gesellschaft, in diesem Fall gegen das Christentum, inspiriert war." Karl Popper [1945] Ch.11, Section III.
"There is no doubt that the doctrine of the chosen people grew out of the tribal form of social life. Tribalism, i.e. the emphasis on the supreme importance of the tribe without which the individual is nothing at all, is an element which we shall find in many forms of historicist theories. [...] Another aspect of the doctrine of the chosen people is the remoteness of what it proffers as the end of history. For although it may describe this end with some degree of definiteness, we have to go a long way before we reach it. And the way is not only long, but winding, leading up and down, right and left. Accordingly, it will be possible to bring every conceivable historical event well within the scheme of the interpretation. No conceivable experience can refute it. But to those who believe in it, it gives certainty regarding the ultimate outcome of human history." Karl Popper [1945] Ch.1
"One of the features which the doctrines of the chosen people, the chosen race, and the chosen class have in common is that they originated, and became important, as reactions against some kind of oppression. The doctrine of the chosen people became important at the time of the foundation of the Jewish church, i.e. during the the Babylonian captivity; Count Gobineau’s theory of the Aryan master race was a reaction of the aristocratic emigrant to the claim that the French Revolution had successfully expelled the Teutonic masters. Marx’s prophecy of the victory of the proletariat is his reply to one of the most sinister periods of oppression and exploitation in modern history." Karl Popper [1945] Footnote 3 to Chapter 1
"In its beginning, Christianity, like the Cynic movement, was opposed to the highbrow Platonizing Idealism and intellectualism of the ‘scribes’, the learned men. (‘Thou hast hid these things from the wise and prudent and hast revealed them unto the babes.’) I do not doubt that it was, in part, a protest against what may be described as Jewish Platonism in the wider sense, the abstract worship of God and His Word. And it was certainly a protest against Jewish tribalism, against its rigid and empty tribal taboos, and against its tribal exclusiveness which expressed itself, for example, in the doctrine of the chosen people, i.e. in an interpretation of the deity as a tribal god. Such an emphasis upon tribal laws and tribal unity appears to be characteristic not so much of a primitive tribal society as of a desperate attempt to restore and arrest the old forms of tribal life; and in the case of Jewry, it seems to have originated as a reaction to the impact of the Babylonian conquest on Jewish tribal life. But side by side with this movement towards greater rigidity we find another movement which apparently originated at the same time, and which produced humanitarian ideas that resembled the response of the Great Generation to the dissolution of Greek tribalism. This process, it appears, repeated itself when Jewish independence was ultimately destroyed by Rome. It led to a new and deeper schism between these two possible solutions, the return to the tribe, as represented by orthodox Jewry, and the humanitarianism of the new sect of Christians, which embraced barbarians (or gentiles) as well as slaves. We can see from the Acts how urgent these problems were, the social problem as well as the national problem. And we can see this from the development of Jewry as well; for its conservative part reacted to the same challenge by another movement towards arresting and petrifying their tribal form of life, and by clinging to their ‘laws’ with a tenacity which would have won the approval of Plato. It can hardly be doubted that this development was, like that of Plato’s ideas, inspired by a strong antagonism to the new creed of the open society; in this case, of Christianity." Karl Popper [1945] VOl. 2, Ch.1, Section III.
"Es ist eine weitverbreitete Annahme, daß eine wahrhaft wissen-schaftliche oder philosophische Haltung der Politik gegenüber und ein tieferes Verständnis des Soziallebens im allgemeinen auf einer Betrachtung und Deutung der menschlichen Geschichte beruhen müsse. Während der gewöhnliche Mensch den Rahmen seines Lebens und die Bedeutung seiner persönlichen Erfahrungen und kleinlichen Sorgen als gegeben hinnehme, habe der Sozialwissenschaftler oder Philosoph die Dinge von einer höherenWarte aus zu betrachten. Für ihn ist das Individuum eine Schachfigur, ein ziemlich unbedeutendes Instrument in der allgemeinen Entwicklung der Menschheit. Und er findet, daß die wahrhaft bedeutenden Schauspieler auf der Bühne der Geschichte entweder die Großen Nationen und ihre Großen Führer sind, oder vielleicht die Großen Klassen, oder die Großen Ideen … Wie dem auch sei – er wird versuchen, den Sinn des Spiels zu begreifen, das auf der historischen Bühne aufgeführt wird; er wird versuchen, die Gesetze der historischen Entwicklung zu verstehen. Und wenn ihm dies gelingt, so wird er wohl auch zukünftige Entwicklungen voraussagen können. Er kann dann die Politik auf einer soliden Grundlage aufbauen und praktische Anweisungen geben, indem er uns mitteilt, welche politischen Handlungen aller Wahrscheinlichkeit nach erfolgreich sein werden und welche nicht. Dies ist die kurze Beschreibung einer Einstellung, die ich Historizismus nenne. Dieser ist eine alte Idee oder vielmehreine lose verbundene Gruppe von Ideen, die, unglück-licherweise, so sehr ein Teil unserer geistigen Atmosphäre geworden sind, daß sie gewöhnlich als gegeben hingenommen und kaum je in Frage gestellt werden. [..] Wenn aber der Historizismus eine unbrauchbare Methode darstellt und wertlose Resultate hervorbringt, dann mag es nützlich sein, seiner Entstehung nachzugehen und zu untersuchen, wie es möglich war, daß er sich so erfolgreich festsetzen konnte. Ein historischer Überblick, mit dieser Absicht unternommen, kann zur gleichen Zeit dazu dienen, die verschiedenen Ideen zu analysieren, die sich nach und nach um die zentrale historizistische Lehre angesammelt haben – die Lehre, daß die Geschichte von besonderen historischen oder Entwicklungsgesetzen beherrscht ist, deren Entdeckung uns die Möglichkeit geben würde, das Schicksal der Menschen vorauszusagen.
Soweit habe ich den Historizismus auf ziemlich abstrakte Weise gekennzeichnet. Er läßt sich vortrefflich illustrieren durch die Lehre vom auserwählten Volk, eine seiner einfachsten und ältesten Formen. Diese Lehre ist einer der Versuche, die Geschichte durch eine theistische Interpretation verständlich zu machen, also dadurch, daß man Gott als den Urheber des Spiels auf der historischen Bühne ansieht. Die Theorie nimmt, genauer gesagt, an, daß Gott ein Volk zum auserwählten Werkzeug seines Willens erkoren hat und daß dieses Volk die Erde besitzen wird. In dieser Lehre ist es der Wille Gottes, der das Gesetz der historischen Entwicklung bestimmt. Dadurch unterscheidet sich die theistische Form des Historizismus spezifisch von anderen Formen. Ein naturalistischer Historizismus zum Beispiel könnte das Entwicklungsgesetz als ein Naturgesetz ansehen; ein spiritueller Historizismus würde es als ein Gesetz der geistigen Entwicklung betrachten; ein ökonomischer Historizismus wieder als ein Gesetz der ökonomischen Entwicklung. Der theistische Historizismus hat mit diesen anderen Formen die Lehre gemeinsam, daß es besondere historische Gesetze gibt, die entdeckt werden können und auf die sich Voraussagen über die Zukunft der Menschheit gründen lassen."
Karl Popper [1945] Kapitel 1: Der Historizismus und der Schicksalsmythos; Hervorhebung base2014.
"It is widely believed that a truly scientific or philosophical attitude towards politics, and a deeper understanding of social life in general, must be based upon a contemplation and interpretation of human history. While the ordinary man takes the setting of his life and the importance of his personal experiences and petty struggles for granted, it is said that the social scientist or philosopher has to survey things from a higher plane. He sees the individual as a pawn, as a somewhat insignificant instrument in the general development of mankind. And he finds that the really important actors on the Stage of History are either the Great Nations and their Great Leaders, or perhaps the Great Classes, or the Great Ideas. However this may be, he will try to understand the meaning of the play which is performed on the Historical Stage; he will try to understand the laws of historical development. If he succeeds in this, he will, of course, be able to predict future developments. He might then put politics upon a solid basis, and give us practical advice by telling us which political actions are likely to succeed or likely to fail. This is a brief description of an attitude which I call historicism. It is an old idea, or rather, a loosely connected set of ideas which have become, unfortunately, so much a part of our spiritual atmosphere that they are usually taken for granted, and hardly ever questioned. [..] But if historicism is a faulty method that produces worthless results, then it may be useful to see how it originated, and how it succeeded in entrenching itself so successfully. An historical sketch undertaken with this aim can, at the same time, serve to analyse the variety of ideas which have gradually accumulated around the central historicist doctrine—the doctrine that history is controlled by specific historical or evolutionary laws whose discovery would enable us to prophesy the destiny of man. Historicism, which I have so far characterized only in a rather abstract way, can be well illustrated by one of the simplest and oldest of its forms, the doctrine of the chosen people. This doctrine is one of the attempts to make history understandable by a theistic interpretation, i.e. by recognizing God as the author of the play performed on the Historical Stage. The theory of the chosen people, more specifically, assumes that God has chosen one people to function as the selected instrument of His will, and that this people will inherit the earth. In this doctrine, the law of historical development is laid down by the Will of God. This is the specific difference which distinguishes the theistic form from other forms of historicism. A naturalistic historicism, for instance, might treat the developmental law as a law of nature; a spiritual historicism would treat it as a law of spiritual development; an economic historicism, again, as a law of economic development. Theistic historicism shares with these other forms the doctrine that there are specific historical laws which can be discovered, and upon which predictions regarding the future of mankind can be based." Karl Popper [1945], Chapter 1: Historicism And The Myth Of Destiny
Der Unterschied zwischen religiösen Menschen und kritisch rationalen Menschen ist groß: während für die Anhänger eines Glaubens gewisse Annahmen tabu sind und nicht hinterfragt werden dürfen, ist dies beim kritisch denkenden Menschen nicht der Fall, für den theoretisch jede seiner Annahmen fallibel bleibt, wenn er praktisch gesehen auch nicht ständig an ihnen zweifeln muß. Dieser Unterscheidung ist erkenntnistheoretischer Natur.
Die Logik, die dieser kritischen Methode zugrunde liegt, ist die: ausgehend von meinen Annahmen, Definitionen, empirischen Daten und Hypothesen über die Welt, und den logischen Regeln, mit deren Hilfe ich Konsequenzen aus diesen ableite und überprüfe, erweitere ich stetig meinen Horizont. Treffe ich auf Widersprüche, muß ich ich mir die Frage stellen, was an meinem theoretischen Gebäude nicht stimmt.
Irgendetwas muß falsch sein: entweder liegt es an meiner Beobachtung (meinen empirischen Daten) oder eine (oder mehrere) meiner Annahmen, Definitionen, Hypothesen oder Ableitungsregeln sind falsch bzw. problematisch. Dementsprechend setzte ich voraus, daß sich meine Annahmen jederzeit als falsch herausstellen können (inklusive Definitionen, die in logischen Systemen auch wahr oder falsch sind). Was ich hier mache ist ein Rückschluß mit Hilfe der Regel:
A1,...,An --> Widerspruch (B und nichtB)
nichtA1 oder ... oder nichtAn
Als die Wissenschaftler des CERN letztes Jahr zu dem Ergebnis kamen, daß sich Neutrinos schneller als Licht bewegen könnten, standen sie vor genau so einem Rätsel: irgendetwas mußte an ihrem Theoriengebäude falsch sein, vorausgesetzt ihre empirischen Daten stimmten. Also baten sie die Amerikaner um Hilfe, ihre Ergebnisse zu überprüfen, denn diese hätten Einsteins berühmtes Resultat über die Lichtgeschwindikeit falsifiziert. Im nachhinein stellte sich dann heraus, daß die in Frage stehende Meßdatenreihe falsch war, aufgrund eines trivialen technischen Versehens: einem losen Kabel.
Die Leute von CERN hatten zweifellos Mut: daß sich nichts schneller als Licht bewegt, ist immerhin ein über die Jahre sehr gut überprüftes Resultat und seine Falsifizierung hätte eine Revolution in der Physik bedeutet. Aber sie hatten keine Angst sich lächerlich zu machen. Sie hatten sich nicht gescheut, das Risiko einzugehen, sich vor der gesamten "Fachwelt" zu "blamieren". Aber anstatt ihnen Respekt zu zollen, werden sie mit Spott und Hohn übergossen, obwohl sie ja selbst immer betont hatten, sie seien skeptisch und obwohl sie andere Wssenschaftler um Hilfe gebeten hatten, ihre Ergebnisse zu überprüfen:
"Der Kurznachrichtendienst Twitter läuft mit Kommentaren voll und mehr oder weniger ernst gemeinten Deutungsversuchen. Beiträgen wie diesen: „Weltbild wiederhergestellt“, „Alter Netzwerker-Spruch: Die Intelligenz liegt im Kabel“, „Keine überlichtschnellen Neutrinos. Jemand hatte bloß auf den Turbo-Knopf gedrückt. (Lasset uns ein Mem draus machen!)“, “Kabelsalat im Cern“, „Ach wie schade - die Epoche der Neutrino-Witze wird wohl eine kurze gewesen sein“."
Diese übertriebene Betonung der Peinlichkeit einen Fehler gemacht zu haben ist selbst peinlich (Peinlich: Kabel-Defekt statt superschnelle Neutrinos). Fehler passieren überall - auch in der Geschichte der Wisenschaften sind Fehler keine Seltenheit. Nur weil man in der Politik, in Sport und Kunst selten und in der Religion so gut wie nie Fehler eingesteht, sollte man sich aber davon nicht täuschen lassen, daß wir alle fallibel sind. Und daher sollte man der weit verbreiteten Kultur der Fehlerlosigkeit höchst skeptisch gegenüber stehen.
Übrigens, die dümmste Überschrift stammte sicherlich vom Online Focus: Niemand bricht Einsteins Gesetz. (Kommt man dafür ins Gefängnis?) Manche Leute kennen tatsächlich nicht den Unterschied zwischen empirischen und normativen Gesetzen, den Unterschied zwischen Sein und Sollen. Das ist vom selben geistigen Zuschnitt, der wohl auch dem 7-Jährigen Stephen Greenblattverboten hatte, ein mutiges Experiment zu wagen.
"Seit jeher ist es mir wichtig, Dinge zu verändern. Worte und Vorstellungen sind für mich nur interessant, wenn sie zum Handeln führen. Schon immer brach ich leidenschaftlich gern mit alten Gewohnheiten, um das Unmögliche möglich zu machen und neue Handlungsspielräume zu eröffnen. Deshalb begann ich bereits in jungen Jahren, Verantwortung zu übernehmen und das auszuüben, was wir gemeinhin "Macht" nennen."*
Vor einem Monat, am 6. Mai 2012, verlor der Mann, der so gerne "Verantworung" übernahm, gegen seinen Herausforderer in einer Stichwahl mit 48,38 gegen 51,62 Prozent der Stimmen: Nicolas Sarkozy. Den Zug zur Macht hatte er wohl, aber die Verantwortung müssen nun - wie immer - die anderen tragen. Das Eingangszitat ist mehrfacher Hinsicht interessant.
Erstens erscheint es mir immer suspekt, wenn Leute von sich sagen, sie wollten etwas verändern, ohne zu sagen, was es denn ist, das sie verändern wollen. Die Skepsis, die man gegenüber solchen Ansprüchen empfindet, ist nicht unbegründet und beruht auf den schlechten Alltagserfahrungen mit Leuten, die sich nur wichtig machen wollen, aus Gründen heraus, die in ihrer problematischen Persönlichkeit liegen. Ziel haben sie keins, aber Macht wollen sie schon.
Zweitens, scheint Sarkozy darin einem gewissen Hang zum Pragmatismus Ausdruck zu verleihen: "Worte und Vorstellungen sind für mich nur interessant, wenn sie zum Handeln führen". Demnach ist eine mathematische Gleichung, für die keine Anwendung bekannt ist, uninteressant. Dasselbe gilt auch für politische Theorien. Aber welche Theorie führt denn von sich aus zum Handeln? Theorien enthalten üblicherweise keine Regeln oder Rezepte für ihre Anwendung. Dafür muß man schon selbst sorgen. Es gibt natürlich Ausnahmen - eine Theorie der Temperaturmessung enthält meistens auch Handlungsanweisungen. Wahrscheinlich wendet sich Sarkozy hier einfach gegen das Theoretisieren im Allgemeinen, die Grundsatzdebatten, das Philosophische - was einen nicht wundert, wenn man die französische Kaugummi-Philosophie kennt (die deswegen so genannt wird, weil sie gerne sehr dehnbare Begriffe enthält). Solche Typen gibt es. Sie reden davon, wie unnütz und uninteressant Philosophie ist, merken aber nicht, daß sie selbst philosophieren - und das meistens sehr schlecht. Rationale Diskussion beruht auf expliziter Argumentation bei der man von Voraussetzungen (Prinzipien) ausgehend Schlüsse zieht. (Selbst induktive Schlüsse oder Wahrscheinlichkeitsargumente kommen nicht ohne allgemeine Annahmen und Regeln aus). Berufspolitiker geben ihre (philosophischen) Prinzipien leider nur selten bekannt. Diese bieten immer einen Angriffspunkt für ihre Konkurrenten, vor allem wenn diese Ausgangspunkte schlecht überlegt sind. In gewisser Weise werden Politiker auch berechenbarer, wenn sie explizit argumentieren. Und so werden Leute ans Licht der Öffentlichkeit geschwemmt, die sich jederzeit durchlavieren, die nichts anderes zu bieten haben, als geschickte ad-hoc Lösungen, die sich auf den ersten Blick gut verkaufen lassen. Und wenn die Medien erwähnen, dieser oder jener sei "pragmatisch", dann heißt das nichts anderes, als daß er gut im Durchwurschteln ist, weil er sich nicht an "ideologische" Prinzipien zu halten hat (als ob alle Prinzipien Dogmen wären) und leicht zu dem überredet werden kann, was andere von ihm wollen. ("Man kann mit ihm Geschäfte machen.") Pragmatische Politiker erkennt man sehr leicht an ihrer verkürzten oder überhaupt fehlenden Argumentation. Stattdessen beschränken sie sich darauf "Standpunkte" einzunehmen - meistens gerade diejenigen, die gefragt sind (von wem auch immer). Sarkozy war so ein Typ. Wenn man seine "Bekenntnisse" liest, stößt man immer wieder auf fehlende oder verkürzte Argumentationen, dafür umso mehr auf seine Standpunkte - eben seine "Bekenntnisse". 'Bekenntnispolitik' wäre ein treffender Ausdruck.
Nicht daß mir alle seine Standpunkte unsympathisch gewesen wären. Ich stimme ihm zu, wenn er meint, man müsse fordern können, Spott zu ertragen, und auch daß es in einer Demokratie keine Tabuthemen geben sollte (bzw. daß die Freiheit der Meinungsäußerung eines der höchsten Güter ist). Doch seine Argumentation für diese Forderungen ist eher schwach, obwohl sie für seine Begriffe wirklich ausführlich ist:
"Ich bin überzeugt, daß in unserer Demokratie eher zu wenig als zu viel debattiert und kritisiert wird. Diese Auffassung brachte mich dazu, Position für die Karikaturisten zu beziehen, die mit ihren Mohammed-Zeichnungen einen Skandal auslösten. Man kann mir also kaum Voreingenommenheit gegenüber Karikaturisten vorwerfen, die mich, das kann man wohl so sagen, nicht immer gut behandelt haben. Ich wurde auf alle nur erdenkliche Weise und zu jedem erdenklichen Thema karikiert. Mein Privatleben, mein Aussehen, meine Worte und meine Politik wurden angegriffen, und das nicht immer besonders elegant und häufig sogar schmerzhaft.
Doch wie überzogen Karikaturen auch sein mögen, sie nutzen der Demokratie. Sie zwingen die Politiker, auf dem Boden zu bleiben. Sie bringen aktuelle Sachverhalte oder den Charakter bestimmter Personen oft treffend auf den Punkt. Sie bilden einen Freiraum, den die Demokratie braucht. Es darf keine Tabuthemen geben, sonst käme eine sehr lange Liste heraus. Ich glaube an Gott und gehe manchmal in die Kirche, doch ich glaube zugleich, dass Religion, wie auch politische Macht, Kritik, Karikatur und Spott hinnehmen muss. Das trifft für alle Religionen zu, auch auf den erst jüngst in Frankreich angekommenen Islam, der nicht die Gleichheit der Rechte ohne die Gleichheit der Pflichten beanspruchen kann. Respektlos gegenüber den Muslimen sind letztlich nicht ein paar Karikaturen, die den Propheten verspotten, wie auch Jesus Christus verspottet wird. Respektlos wäre vielmehr anzunehmen, die französischen Muslime unterschieden sich von den anderen Bürgern."**
Aber, so überzeugend sein knappes Argument der Schiefen Ebene auf den ersten Blick auch sein mag, es ist als Begründung problematisch. Versuchen wir es einmal zu paraphrasieren und nehmen wir an, daß A, .., Z irgendwelche Aussagen seien:
1) Wenn wir verbieten, daß über A öffentlich gespottet wird, dann müssen wir auch verbieten, daß über B, C, ..., Z öffentlich gespottetwerden darf. (Konsistenzforderung, Vermeidung von Double-Standards)) 2) Wir verbieten, daß über A öffentlich gespottetwerden darf. K) wir müssen auch verbieten, daß über B, C, ..., Z öffentlich geredet werden darf.
Die Konklusion K) ist aber absurd (schränkt unseren Freiraum zu sehr ein), also werden/können wir nicht verbieten, daß über A öffentlich gespottet werden darf (falls wir Double-Standards vermeiden wollen, und das wollen wir.)
Nun, Argumente der Schiefen Ebene sind eigentlich Argumentformen, die etwas unterschlagen, nämlich eine explizite Formulierung von 1). ABER, wenn die Konsistenzforderung explizit begründet wird, dann kann sich das Argument als logisch korrekt herausstellen. Aber dazu muß man die Kriterien explizit angeben, welche einen logischen Schluß von A nach B, C, ..., Z erlauben, m.a.W. Kriterien, nach denen B, C, ..., Z wesentlich (juristisch, moralisch) gleichartig oder ähnlich sind. Die Mühe hat sich Sarkozy aber nicht gemacht. (Er spricht nur von Tabuthemen - aber das kann alles sein.)
Man könnte es probieren mit dem Kriterium "ein Religionsgründer zu sein". Aber dann könnte jeder Salafist daherkommen dieses Kriterium infrage stellen: Warum greifen wir Religionsgründer heraus, warum dürfen wir nicht alle Menschen - ob tot oder lebendig - verspotten? Mögliche Antwort: solange die Persönlichkeitsrechte nicht veletzt werden und sonstige Tatbestände nicht vorliegen - kein Problem! In Frankreich mag dies greifen (keine Ahnung), im deutschen Recht gibt es da allerdings einige Gummiparagraphen, die das Verspotten von religiösen Aussagen sehr schnell ins kriminelle Eck rücken (siehe German Criminal Code § 166).
Folgendes sehr einfaches Kriterium ist da eher vielversprechend: "ist die Meinung einer Person". Über Personen zu spotten mag in vielerlei Hinsicht problematisch sein und zeugt oft genug von schlechtem Geschmack oder Respektlosigkeit. Aber die Meinungen von Personenzu kritisieren, zu karikieren und zu verspotten, das sollte jedem offen stehen. Ein guter alter Standard der kritischen Rationalisten lautet: Töte Meinungen, nicht Menschen! Wenden wir dieses Kriterium auf Sarkozys Argument an, dann macht es plötzlich wirklich Sinn:
1) Wenn wir verbieten, daß über religiöse Meinungen/Ansichten öffentlich gespottet wird, dann müssen wir auch verbieten, daß über politische, wissenschaftliche, ökonomische, philosophische, etc. Meinungen/Ansichten öffentlich gespottetwerden darf. (Konsistenzforderung, Vermeidung von Double-Standards))
2) Wir verbieten, daß über religiöse Meinungen öffentlich gespottetwerden darf.
K) wir müssen auch verbieten, daß über politische, wissenschaftliche, ökonomische, philosophische, etc. Meinungen/Ansichten öffentlich gespottet werden darf.
Die Konklusion K) ist aber absurd (schränkt unseren Freiraum zu sehr ein), also werden/können wir nicht verbieten, daß über religiöse Meinungen öffentlich gespottet werden darf (falls wir Double-Standards vermeiden wollen, und das wollen wir.)
Und wenn religiöse Fanatiker das Karikieren ihrer Ansichten nicht aushalten, dann sollten sie dorthin gehen, wo es verboten ist.
Seine Standpunkte gut zu begründen war Sarkos Sache nicht. Ansonsten war er doch ein lustiger Kerl, der oft für gute Stimmung sorgte.
Berühmt wurde die Schwindelei von seiner angeblichen Anwesenheit beim Fall der Berliner Mauer. Der Online Spiegel berichtete enthusiastisch am 8. November 2009 davon, Sarkozy hätte dies mit einem Foto auf Facebook bewiesen. Aber schon einen Tag später flog der Betrug auf und die Welt spottete berechtigtermaßen und ganz ausführlich darüber. Die verschiedenen Fotomontagen, die Sarkozy unter dem Motto "Ich war dabei" karikierten, bringen einen noch heute zum Lachen!
Schauen wir mal, auf welchem Teil der politischen Bühne Sarkozy demnächst wieder auftauchen wird, um "das auszuüben, was wir gemeinhin "Macht" nennen".
*Sarkozy, Nicolas: Bekenntnisse. Frankreich, Europa und die Welt im 21. Jahrhundert. Goldmann. München, 2008. (Einleitung, S. 27)
** (Kapitel 5, S. 118)
"Meine Eltern lebten streng nach dem jüdischen Glauben, wir aßen koscher und gingen in die Synagoge. Sie sagten mir, dass ich beim Gottesdienst den Blick gesenkt halten müsse, weil Gott dann anwesend ist. Und wer Gott ins Angesicht sieht, müsse sterben. Ich dachte viel darüber nach. Ich überlegte mir: Naja, wenn es wirklich so kommt, wäre das schon sehr schade. Aber ich dachte, es ist einen Versuch wert. Eines Tages schaute ich also während des Segens hoch. Da war kein Gott. Ich hatte das Gefühl: Ich bin belogen worden. Darüber bin ich nie weggekommen. Ich war damals vielleicht so sieben Jahre alt. Ich habe in einer Synagoge den Glauben verloren." Der amerikanische Literaturkritiker Stephen Greenblatt auf die Frage, wann er zum Atheismus bekehrt wurde
Der siebenjährige Stephen Greenblatt war - ohne es zu wissen - ein gestandener kritischer Rationalist im Sinne eines Karl Popper oder Hans Albert. Er wollte wissen, ob das, was ihm seine Eltern unter Todesdrohung weismachen wollten, der Wahrheit entsprach. Und nach langem Nachdenken kam er zu dem Entschluß, das experimentum crucis zu wagen, das seine Welt verändern sollte. Schon als Kind hatte er über das verfügt, was selbst gläubigen Erwachsenen fehlt: die Kühnheit, die familiär und kulturell ererbten Dogmen einer strengen Prüfung zu unterziehen.
Natürlich ist es ein weiter Weg von der schmerzhaften Erkenntnis der elterlichen Lüge zur Ansicht, daß Götter nicht existieren. Aber darum geht es hier nicht. Hier geht es um den Mut und die kritische Einstellung, die Kinder schon sehr früh gegen alle Widerstände ihrer Umgebung entwickeln können (oft nur im geheimen).
Sicherlich ist Greenblatt kein Einzelfall. Manche Kinder kommen durch ganz ähnliche Umstände zu der schmerzhaften Erkenntnis von ihrem Umfeld belogen zu werden. Kühnheit, Mut oder Wißbegierde müssen nicht die ausschlaggebenden Gründe sein, natürlich kommen auch andere typische Merkmal von Kindern in Frage wie ihre Verspieltheit oder Unvoreingenommenheit. Hier ein weiteres Beispiel, bei dem eher kindlicher Trotz oder Unbeherrschtheit eine Rolle spielen:
ein Sechsjähriger erzählt, er hätte Gott in Gedanken mit einem sehr bösen Schimpfwort bedacht, nur weil man ihm versichert hatte, daß Gott all diejenigen straft, die ihn beschimpfen. Er tat es trotzdem. Er hatte sich einfach nicht zurückhalten können - es war zu verlockend es auszuprobieren. Da zunächst nichts geschah, dachte der junge Mann, er hätte gewonnen. Aber die Eltern hatten ihm auch erzählt, die Strafe müsse nicht sogleich erfolgen ("Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort, bei großen läßt er sich Zeit"). Das verwirrte ihn sehr, denn diese These konnte er nicht mehr widerlegen, - das hatte er folgerichtig erkannt: sie war zu unbestimmt um überprüfbar zu sein (wie so viele Dogmen). Tatsächlich ist die These sogar pathologisch unterdeterminiert.
Aber was auch immer die kindliche Motivation sein mag, gegen religiöse Indoktrination zu rebellieren, der Ausgang bleibt oft genug ungewiss. Während der kleine Greenblatt mit einem einfachen Experiment erfolgreich war, konnte dies im letzteren Fall nicht mehr ausreichen. Im Gegenteil, die Moral von den "kleinen Sünden" ist eine Falle, aus der ein Kind ohne Hilfe nicht mehr so leicht herauskommt. Psychologische Nachwirkungen nicht ausgeschlossen. Der Fall mag harmlos erscheinen, aber es gibt natürlich viel beängstigerende Praktiken im Bereich religiöser Erziehung. Im 21. Jahrhundert werden Kinder immer noch in Koranschulen, Thoraschulen, buddhistische Klöster und christliche Anstalten gesteckt, wo sie unter Zwang die heiligen Schriften auswendig lernen müssen, bevor sie reif genug sind, sie zu beurteilen. Jeder weiß, daß dahinter Methode steckt.
Religionen haben früh die Strategie entwickelt, sich die intellektuelle Wehrlosigkeit von Kindern zunutze zu machen, um die Verbreitung ihrer Ideologie abzusichern. Eine bequeme und effektive Methode. Daß sie dabei oft auf Angst und sozialen Druck zurückgreifen ist bekannt. Selbst den Gesetzgebern moderner Staaten ist dies bewußt und trotzdem werden Religionen noch immer subventioniert und rechtlich gegenüber Spott und Verunglimpfung geschützt. Eines der besseren Kapitel (Kap. 9) in Dawkins "Gotteswahn" beschäftigt sich mit den körperlichen und psychischen Mißhandlungen, denen Kinder während ihrer religiösen "Erziehung" ausgesetzt sind und an deren Folgen sie oft ein Leben lang leiden. An solchen Fällen läßt sich das Ausmaß der Folgeschäden ablesen, wenn ein Kind es nicht schafft sich rechtzeitig von den einengenden und beängstigenden Theorien und Praktiken seiner irregeführten Umgebung zu befreien. Wieviele Kinder wären an Greenblatts Stelle so verängstigt gewesen, daß sie beim Aufschauen tatsächlich etwas "gesehen" hätten?
The core of rational discussion consists in the use of arguments. From premisses we derive conclusions by applying rules of inference. Premisses as well as rules of inference are assumed to be true and/or correct for that matter. Now, the use of arguments itself cannot make the difference between science and religion. Both, religious and scientific thinkers make use of arguments. Also, assuming premisses as evidence for a conclusion is therefore inherent in both, science and religion. Thus, if some scientists like Richard Dawkins try to fix the difference between science and religion by calling science „evidence-based“ in contrast to religion being based on pure faith, they're misled. Both try to rely on arguments and thereby using more or less strong evidence in their premisses.
What makes the difference is the critical method of handling premisses. For a scientist, none of his temporary assumptions is in principle sacrosanct. Each scientific assumption is in principle open to discussion, let it be empirical evidence, hypotheses or laws. Even the underlying mathematical logic and mathematics itself is frequently challenged by steady research. There is in principle no absolute truth in science.
For the religious thinker, there are assumptions which he would never give up, which are singled out as crucial, sacrosanct, taboo, untouchable in principle. E.g. for the Christian believer, the resurrection (raising from the tomb) is essentially taboo. Though he may apply arguments for it, the evidence he might use (reports written between 70 and 100 years after the alleged occurrence) is still evidence. But how weak or strong you might consider this evidence, a Christian may not seriously dispute it, otherwise he would cease to be a Christian. It's not under critical discussion, it is taboo. In contrast, a scientist may in principle always come out and criticize even the most accepted assumptions (and he will do that if he has reason to do so). For a religious thinker, the evidence not further critically discussed is called the dogma. For the scientific thinker, there is no such thing. (In the course of his daily business nevertheless, the scientist will rely – only for pragmatic reasons – on some set of assumptions temporarily without questioning them – which would make otherwise work practically impossible. One cannot question everthing all the time.
Similarly, if religious thinkers argue that faith/belief is not a feature distinguishing science from religion, because also scientists must believe in their assumptions, they're mislead. A scientist needs not believe nor have faith in anything. Usually they don't belive in belief. What they do is temporarily assume premisses in order to work. If they doubt an assumption or a result they will critically review it. Doubt is the mother of science, not belief.
When recently scientists of the CERN measured neutrinos being faster than light, they were so surprised (not to say shocked) about this contradiction to one of Einstein's key results – important in several areas of physics – that they started to doubt. In order to critically examine the experiment, they invited other scientists around the globe to review it. It was the US-physicist Brian Greene to whom is attributed the following beautiful quotation reflecting the truly critical spirit of science
No matter what the outcome of the review of the Cern results by the international scientific community will be, Greens memorable saying was already worth it and will hopefully stand the test of time. Btw, the same attitude is also reflected by Konrad Lorenz who once recommended - as a daily exercise at the breakfast table - to take one of your loved hyptheses and try to falsify it.
These latter remarks may also hint at a third preconception concerning science often put forward by religious people: Science, they say, is not enough. Science neither gives people security nor meaning of life. Unlike religion, science cannot meet our deepest needs …
An answer to this may take more time and space and will be done in a later post.
Entry to CERN, late December 2008, unfortunately closed to the public
CERN in Geneva (Switzerland) stands for European Organization for Nuclear Research, here in late December 2008
CERN originally stands for Organisation Européenne pour la Recherche Nucléaire, late December 2008 closed doors
"It has always puzzled me that so many people have taken it for granted that God favors those who believe in him. Isn't it possible that the actual God is a scientific God who has little patience with beliefs founded on faith rather than evidence?"
(Deutsch: "Es hat mich immer irritiert, daß es für so viele religiöse Leute als sicher gilt, daß Gott diejenigen begünstigt, die an ihn glauben. Ist es nicht möglich, daß der tatsächliche Gott Wissenschaftler ist, der mit Überzeugungen auf der Basis von Glauben anstatt auf der Basis von Gewißheit wenig Geduld hat?")
Raymond Smullyan
"Speaking of proofs of the existence of God, the funniest one I have ever seen was in a term paper handed in by a freshman. “God must exist because he wouldn't be so mean as to make me believe he exists if he really doesn't!” Is this argument really so much worse than the ontological proofs of the existence of God provided by Anselm and Descartes, among others?"
(Deutsch: "Wo ich gerade von Beweisen der Existenz Gottes spreche, fällt mir ein, daß der lustigste, der mir jemals untergekommen ist, in einer Semesterarbeit zu lesen war, die eine Studienanfängering eingereicht hatte. Sie schrieb: "Gott muß existieren, weil er nicht so gemein wäre, mich glauben zu machen, er existiere, wenn es in Wirklichkeit gar nicht der Fall ist!" Ist dieses Argument wirklich so viel schlechter als die ontologischen Beweise der Existenz Gottes, die unter anderen Anselm und Descartes liefern?")