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Sunday, December 23, 2012

Da bleibt einem das Gehirn stehn ...


Man kann den christlichen Kirchen ja vieles vorwerfen, aber falls ein Priester einmal Frieden von der Kanzel predigen sollte, ihn dann auch noch zur Zurückhaltung aufzufordern wie küzlich der CSU-Politiker Hans-Peter Friedrich, da bleibt einem das Gehirn stehn! Und noch dazu wenn es um den völlig destruktiven Einsatz in Afghanistan geht, und um die noch absurdere "Verteidigung Deutschlands am Hindukush".

Der Spiegel Online berichtet:

"Die Politik müsse mit einer Vielzahl von immer neuen Konflikten umgehen, deren Lösungen nicht immer klar seien. In den Kirchen machten es sich "manche zu einfach, zum Beispiel bei Fragen um Krieg und Frieden", bemängelte der Innenminister. So seien etwa die Forderungen aus der Kirche, sich aus dem Afghanistan-Krieg herauszuhalten, "völlig falsch" gewesen."

Dem Typ ist einfach nicht mehr zu helfen. (Wahrscheinlich sucht er in Afghanistan noch immer die "Drahtzieher von 9/11".)

Und wenn sich Dein Gehirn schon in Schockstarre befindet, setzt der gläubige Christ und Innenminister (!) noch einen drauf:

"Ich habe ein grundsätzliches Gottvertrauen. Ich glaube, dass am Ende alles so sein wird, wie Gott es vorsieht."

Jup, Deutschland als Vollstrecker göttlichen Willens ...


Siehe auch:

Die Weihnachtslegende (1)


Was werde ich meiner Tochter, wenn sie älter sein wird, über das christliche Weihnachtsfest erzählen?

Kein Zweifel: Weihnachten ist ein Kinderfänger! Aber unabhängig davon, ob das Fest nun an gesetzliche Feiertage geknüpft ist - die berufstätige Erwachsene nicht gerne aufgeben möchten, oder welche Gewinne der alljährliche adventliche Konsumrausch dem Handel bringen mag, könnten wir Weihnachten nicht durch etwas Wahrhaftigeres ersetzen? Und stimmt es wirklich, daß man Kindern etwas nehmen würde, wenn man die Krippenspiele, die Adventkränze, die lustigen Weihnachtsspecials von TV-Serien oder die gemeinsamen Familienbesuche der zahlreichen Adventmärkte einfach streicht? Ich denke, es kommt darauf an, wie man es ihnen nimmt, und was man den Kindern im Gegenzug dazu anbieten kann: wie wär's mit der Wahrheit? Denn die allermeisten Elemente des Weihnachtsbrauches sind von den Christen zusammengestohlen worden, nämlich aus dem reichen Fundus früherer Kulte, besonders aber der traditionellen Wintersonnwendfeiern, die lange vor dem Christentum in den verschiedensten Regionen der Welt gefeiert worden waren, nicht nur im nahen Osten. Der Eklektizismus oder Sykretismus, den Christen so gerne anderen Kulten vorgeworfen haben, trifft vor allem hinsichtlich der Weihnachtslegende auf sie selbst am meisten zu. Viele diese Elemente würden fortbestehen, auch wenn man das spezifisch Christliche an Weihnachten unter den Tisch fallen ließe. Adventkränze und dekorierte Bäume etwa gab es in Nordeuropa lange bevor dort die ersten Missionare erschienen.  

Wie auch immer, ich werde es genießen, meiner Tochter die Wahrheit über das "Christkind" und den "Weihnachtsmann" näher zu bringen, denn diese ist überaus spannend und lehrreich und sie wird sich dabei sicher nicht langweilen. Und diese Wahrheit bzw. diese Annäherung an die historische Wahrheit ist Kindern zumutbar, insofern man sie auf interessante und kurzweilige Art zum kritischen Denken anregt. Die Beschäftigung mit der Weihnachtslegende lehrt viel über die Geschichte des Menschen, über fromme Lügen und den unglaublichen propagandistischen Erfolg des Christentums, der bis heute andauert.

Sehen wir uns zu diesem Zweck einmal an, was Karlheinz Deschner, der Autor der "Kriminalgeschichte des Christentums", zur Entstehung der Weihnachtslegende zu erzählen hat. Er bringt im Abschnitt "Die Entstehung des Weihnachtsfestes" seines 1962 erschienen "Abermals krähte der Hahn" (Kap. 11) die Ursprünge des christlichen Weihnachten in Zusammenhang mit Kulten und Traditionen verschiedenster Herkunft (ein Thema, das erst kürzlich wieder in "Zeitgeist I" amüsant aufgegriffen wurde).




"Der Geburtstag des Mithras, der dies natalis solis, war der 25. Dezember, heute bekanntlich der Geburtstag Christi. Die Urchristenheit allerdings feierte nur ein Fest, das Passah, und bis ins 4. Jahrhundert blieben Ostern und Pfingsten die einzigen allgemeinen Feste der Kirche. Anscheinend erinnerte man sich damals noch, dass Jesus nicht gepredigt hatte: setzt Feiertage ein!
Der Geburtstag Christi wurde lange nicht begangen und dann höchst verschieden bestimmt. Steht doch nicht einmal das Jahr der Geburt fest, die Historizität des Herrn vorausgesetzt. Als sein Geburtstag galt um 200, nach Clemens von Alexandrien, den einen der 19. April, den anderen der 20. Mai, während Clemens selbst den 17. November für das richtige Datum hielt.
Das Weihnachtsfest ist im 2. Jahrhundert in Ägypten aufgekommen und dort am 6. Januar (11. Tybi) gefeiert worden, dem Geburtstag des Gottes Aion oder Osiris.
Erst im Jahre 353 hat die Kirche den Geburtstag Christi auf den 25. Dezember, den Geburtstag des Mithras, des unbesiegbaren Sonnengottes verlegt, um diesen aus dem Volksbewusstsein zu verdrängen. Die Adventzeit als Vorfeier des Weihnachtsfestes kam sogar erst im 6. Jahrhundert auf.
Das neue kirchliche Fest wurde um so rascher beliebt, als es nur die Umgestaltung des heidnischen Sonnwendfestes war, der Aionfeier - eine mythische Darstellung der Geburt der neuen Sonne.
Vom 24. auf 25. Dezember versammelten sich dabei die Mysten in einem unterirdischen Adyton, um gegen Mitternacht die Einweihungsriten zu vollziehen. In der Morgendämmerung verließen dann die Gläubigen in einer Prozession den Kultort, wobei sie die Statuette eines Kindes als Symbol des eben von der Jungfrau, der Dea Caelestis, geborenen Sonnengottes mit sich führten. Sobald die Sonne aufging, stimmten sie die liturgische Formel an: „Die Jungfrau hat geboren, zu nimmt das Licht." Aber auch folgende Wendung ist überliefert: „Der große König, der Wohltäter Osiris ist geboren". Bei der Geburt des Gottes soll sogar eine Stimme aus der Höhe erschollen sein:
„Der Herr des Alls tritt ans Licht hervor".
 Bei Lukas spricht der Engel: „Heute wurde euch der Heiland geboren".
Die christliche Weihnachtserzählung ist uns allen so vertraut, dass viele glauben, sie stünde in allen Evangelien. Sie steht aber nur bei Lukas. Und Lukas hat sie aus alttestamentarischem und mehr noch aus paganem Gut herausgesponnen. Wie stark gerade der heidnische Einfluss in der lukanischen Legende ist, wurde erst unlängst von der theologischen Forschung wieder gezeigt:
1. Die leicht sentimentale Schilderung der reisenden Mutter, die keinen Platz findet, ihr Kind zu gebären. Hier denkt jeder griechische Leser an die Mutter Apolls, die auch keine Stätte fand, und die die Dichter ähnlich schildern. 
 
2. Wie das Zeuskind bei Kallimachos in Windeln gewickelt wird und das Dionysoskind in einer Getreideschwinge liegt, so liegt bei Lukas das in Windeln gewickelte Jesuskind in einer Krippe. 
 
3. Die bukolische Hirtenerzählung wird ganz ähnlich bei der Geburt des Kyros und des Romulus überliefert, wohl auch in Mithraskindheitsgeschichten. Mit alttestamentlichen Hirtengeschichten hat sie nichts zu tun, da diesen das Wesentliche, die Begrüßung des göttlichen Kindes, fehlt. 
 
4. Die Lichterscheinung in der Nacht gehört in die Stimmung der Mysterien. "Mitten in der Nacht sah ich die Sonne strahlend im leuchtenden Licht", heißt es von der Isisweihe. 
 
5. Aus den Mysterienfeiern stammt der Ruf: "Euch ist heute der Heiland geboren." In Eleusis lautet der Jubelruf der Hierophanten: "Einen heiligen Knaben gebar die Herrin", bei der hiervon abhängigen alexandrinischen Aionfeier: "ln dieser Stunde, heute, gebar die Jungfrau den Aion", und: "Die Jungfrau hat geboren, das Licht geht auf." 
Bei Osiris heißt der Ruf: "Der Herr aller Dinge geht ans Licht hervor ... ein großer König und Wohltäter, Osiris, ist geboren", und im Herrscherkult: "Ein König ist euch geboren ... und er nannte ihn Charilaos, weil alle sehr froh wurden."
 
6. Aus der Herrscherfrömmigkeit stammen die Ausdrücke: "große Freude verkündigen", "Heiland", "allem Volke".
 
7. Die Verkündigung der großen Freude bei der Heilandsgeburt ist ein religionsgeschichtliches Motiv, von dem wir nur nicht wissen, ob es im Lachen der Himmel und Welten bei der Buddhageburt oder im kosmischen Zarathustrajubel oder ob nicht beides erst im Hellenismus seine Wurzel hat. Vielleicht darf man bei Lukas die gleiche hellenistische Quelle voraussetzen wie in der 4. Ekloge Vergils. 
 
8. Die himmlischen Heere entstammen bei Lukas alttestamentlichen Vorstellungen, erinnern aber auch an die als Soldaten gekleideten Kureten und Korybanten um die Wiege des Zeus oder an die den jungen Dionysos umgebenden Heerscharen.
Solche Aion- und Geburtsvorstellungen, wie sie in den Evangelien wiederkehren, waren der vorchristlichen Welt also wohlvertraut. Das bezeugen auch die vielbesprochenen „Religionsgespräche am Hofe der Sassaniden": „Herrin, sprach eine Stimme, der große Helios hat mich abgesandt zu dir als Verkünder der Zeugung, die er an dir vollzieht ... Mutter wirst du ... eines Kindleins, dessen Name ist "Anfang und Ende".
Auch die berühmte, 40 v. Chr. entstandene vierte Ekloge Vergils verheißt die Geburt eines Knaben, der vom Himmel auf die Erde gesandt werden und ihr den ersehnten Frieden bringen soll." „Gekommen ist die Endzeit", liest man in dem Gedicht. „Schon hat Apollo seine Königsherrschaft angetreten ... Ein Sohn des höchsten Gottes wird geboren".
Entsprechend schreibt Paulus: „Als aber die Erfüllung der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn". Oder das Markusevangelium: „Erfüllt ist die Zeit und das Königreich Gottes nahe herbeigekommen"." Karlheinz Deschner, Abermals krähte der Hahn, 5. Aufl., btb-Verlag, München, 1996, S.91f; auf die zahlreichen Fußnoten und Querverweise in Deschners Original wurde hier verzichtet.


Auch interessant: Deschner's nicht gegebenes Interview zum Thema "Missbrauch in der Kirche"








Monday, December 3, 2012

Merkel und die EU-USA Freihandelszone (TAFTA)


Dirk Müller - im deutschsprachigen Raum kennt man ihn unter seinem Spitznamen "Mr. Dax" - wärmte vor ein paar Jahren wieder einmal eine alte Idee auf, die seiner Meinung nach zu faireren Wettkampfbedingungen für die westliche Staaten im großen Monopoly der Globalisierung führen sollte, nämlich die Etablierung einer Freihandelszone zwischen der EU und den USA. Billigproduzenten wie China und India, die nicht "unsere Werte" teilten, sollten auf diese Weise der Vorteil des günstigen Produktionsstandorts genommen, und gleichzeitig den westliche Staaten zurückgegeben werden. Unter "unseren Werten" versteht der Mann  "sozialen Errungenschaften", die sich direkt oder indirekt auf die Produktions- und Lohnnebenkosten niederschlagen. Nun, könnte eine transatlantische Freihandelszone (TAFTA) wirklich helfen, und wenn ja, wem?
"Wir bauen um unser gemeinsames Wertesystem eine Zollmauer auf. Innerhalb des Systems befinden sich all die Länder, mit denen wir zumindest annähernd die gleichen Werte und Spielregeln teilen. Die Kontrollpunkte sind die Häfen und Flughäfen. Die Länder außerhalb dürfen dennoch selbstverständlich ihre Produkte innerhalb der Freihandelszone verkaufen, aber mit Aufschlag. Die Kosten für den Umweltschutz, der in der deutschen Waschmaschine eingebaut ist und in der asiatischen fehlt, werden als Zoll draufgeschlagen. Vielleicht 15 Prozent. Kinderarbeit eingebaut? 20 Prozent! Fehlende Arbeitsschutzrichtlinien für die Arbeiter ? 7 Prozent! So wäre ein Kampf mit gleichen Waffen geschaffen. Natürlich gäbe es einen Sturm der Entrüstung bei den internationalen Konzernen. Die Waschmaschinen in Deutschland würden teurer werden. Aber vielleicht würde es sich für einen Mittelständler in Schwaben wieder lohnen, eine Waschmaschinenfabrik zu eröffnen. Mehrere tausend Arbeiter würden eingestellt. Steuern, Löhne, Sozialabgaben würden fließen, und so weiter, und so weiter. Die Unternehmen innerhalb der Freihandelszone stünden dann immer noch in Konkurrenz zueinander, aber unter gleichen Bedingungen. Man ist Konkurrent, aber auch Partner. Alle Unternehmen müssen Löhne bezahlen, von denen die Menschen auch leben können. Es herrscht ein gesellschaftlicher Konsens, dass Kinder Kinder sind und keine billigen Sklaven.
Klingt verrückt?! Vielleicht. Aber immerhin so vernünftig, daß unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel schon seit Jahren hinter den Kulissen genau diesen Plan einer europäisch-amerikanischen Freihandelszone verfolgt." Dirk Müller [2010], S. 238

Müllers Bemerkung über Merkel mag so manchen überrascht haben, ist aber wahr und kein Geheimnis. Seit dem 22. November 2005 ist Angela Merkel die Bundeskanzlerin Deutschlands, einem Land, indem die Schere zwischen Arm und Reich im übrigen ähnlich weit auseinander geht, wie anderswo auf der Welt (In Deutschlands Städten wächst die Armut) und dessen Regierung ihre Statistiken schonunsglos und ungestraft schönfärbt, wie auch anderwso  (Bundesregierung schönt Armutsbericht). "Lobby-Merkel" steht zwar Putins Gegenvorschlag einer Freihandelszone von Wladiwostok bis Lissabon eher negativ gegenüber, nicht aber, was die Amerikaner betrifft. Hier eine kleine Auswahl der Merkel'schen Erwähnungen bezüglich EU-USA Freihandelszone seit Amtsantritt:

2006
"Ich halte die Idee für faszinierend." Ein transatlantischer Bund, der rund 60 Prozent des heutigen Weltsozialprodukts innerhalb seiner Grenzen vereinen würde, sei nicht gegen andere Weltregionen gerichtet, diene allerdings sehr wohl "der Bündelung gemeinsamer Interessen"

2007
n-TV: Merkel wirbt für TAFTA
Die Zeit Online: Auf ein altes Pferd gesetzt
"Wir haben in Europa Erfahrungen mit einem gemeinsamen Binnenmarkt, die wir transatlantisch nutzen können [..] Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht immer weiter voneinander entfernen, sondern uns annähern, wo es für beide Seiten Vorteile bietet [...] Es ergibt doch zum Beispiel viele Reibungsverluste, wenn das Patentrecht in Amerika anders aufgebaut ist als in Europa." Beim kommenden EU/USA-Gipfel im April wolle sie über eine engere Zusammenarbeit auf ökonomischem Gebiet reden, kündigte Merkel an. "Das ist für mich von strategischer Bedeutung. Unsere Wirtschaftssysteme haben eine gemeinsame Wertegrundlage", fügte Merkel in dem Interview hinzu, das auch in der Londoner "Financial Times" erscheint. Die USA wie auch die EU stünden in "sehr hartem Wettbewerb" mit den asiatischen und künftig auch mit den lateinamerikanischen Märkten, sagte Merkel. Es komme darauf an, die Kräfte zu bündeln und bestimmte gemeinsame Interessen, wie den Schutz des geistigen Eigentums, auch gemeinsam international durchzusetzen."

2008-2011
Aus diesem Zeitraum konnte ich keine Äußerung Merkels finden. Aufgrund der Pleite der amerikanischen Investment Bank Lehman Brothers und des Zusammenbruchs des spekulativ aufgeblähten US-Immobilienmarkts und seiner globalen Folgen wäre im selbigen Zeitraum die Erwähnung einer Freihandelszone mit einem offensichtlich maroden Partner beim deutschen Wahlpublikum wohl eher schlecht angekommen. Vielleicht war Frau Merkel auch mit der Sicherung der Gelder deutscher Investoren in Griechenland zu sehr beschäftigt.


2012
(siehe auch Der Standard)

""Wir werden gerade jetzt nach der amerikanischen Wahl noch einmal versuchen, ob wir nicht die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen vereinfachen können, Freihandel treiben können zwischen Amerika und Europa", sagte Merkel. Davon würden beide Seiten profitieren. Hintergrund der neuen Offensive in der Bundesregierung ist eine gewisse Enttäuschung, dass sich Obama in seiner ersten Amtszeit nicht ausreichend um das Thema gekümmert hatte. Allerdings gibt es auch zwischen den EU-Staaten unterschiedliche Ansichten, wer von einem Freihandelsabkommen profitieren würde. Frankreich etwa fürchtet mehr Konkurrenz im Agrarsektor."

Ich persönlich glaube, daß Merkels Art und Weise mit vielen Worten nichts zu sagen schon immer die Deutschen günstig gestimmt hat, ihr Glauben zu schenken. Nicht daß dies für Politiker ungewöhnlich wäre, aber die deutsche Kanzlerin hat diese Kunst schon zu einer seltenen Blüte getrieben. Ihr Schweigen, das nur unterbrochen wird durch ihre dezente Phrasendrescherei, bildet die Leinwand, auf die der deutsche Bundesbürger alles das projizieren kann, was er sich von einer starken Volksmutti in unsicheren Zeiten zu erwarten wünscht. (Daß es darüber hinaus noch eine Art stillschweigender Übereinkunft in der deutschen Presse zu geben scheint, Merkel nicht ernsthaft zu kritisieren, trägt zu dieser Rollenbildung bei (vgl. meine irrige und vorschnelle Vermutung im Fall Timoshenko: Merkel ist schon Vergangenheit).
Daß die Frau sich allzuviel um die Kosten für Umwelt-, Kinder- oder Mutterschutz, Konsumenten- oder Arbeitnehmerschutz sorgte, halte ich für ein Gerücht. Ihre bisherige innenpolitische Tätigkeit bestätigt eher das Gegenteil. Ich denke, daß eine schleichende Beseitigung dieser "unserer Werte" in Deutschland  im Gange ist.  Mr. Dax träumt hier ein bißchen, wenn er ausgerechnet Merkel die Absicht unterstellt mit Hilfe des Freihandels "unsere Werte" retten zu wollen. Tatsächlich geht es den deutschen "Exportweltmeistern" wohl weit mehr um einen noch uneingeschränkteren Zugang zum amerikanischen Markt, als er ohnehin auf Basis der WTO und anderer Wirtschaftsabkommen schon existiert. Der EU-Handelskommissar Karel De Gucht spricht hier Klartext: 

2011
EU verlangt offenere Märkte von USA
"Wenn sie wirklich über ein ehrgeiziges neues transatlantisches Handelsabkommen reden wollen, müssen sie mir die Frage beantworten, warum sie ihren Markt nicht öffnen", sagte der Kommissar. Der europäische Markt sei zu 90 Prozent für fremde Unternehmen zugänglich, der US-Markt hingegen nur zu rund einem Drittel. "Wir bitten nur um eines: Gebt unseren Unternehmen eine faire Chance" , sagte De Gucht. "Wir bitten nicht um eine bevorzugte Behandlung, aber wir wollen offene Märkte." 
Weiters geht De Gucht auf "zollfreie Handelshemmnisse" ein, die also mit einer reinen Freihandelszone auch nicht gelöst werden können. (Die Probleme liegen woanders).
"Der Abbau von Zöllen zwischen den USA und der EU ist De Gucht zufolge zwar wichtig. Er hält es aber für bedeutender, nichttarifliche Handelshemnisse zu beseitigen. "Wenn wir nur die Hälfte der zollfremden Handelshemnisse aus dem Weg räumen, wäre das wirtschaftliche Ergebnis enorm", sagte er. Es werde unterschätzt, wie schwierig Fortschritt hier sei. Im US-Automobilsektor etwa gebe es eine Menge Regulierungen. Im Gegenzug könne Europa mit harten Forderungen der US-Seite rechnen. "Wir können davon ausgehen, dass zum Beispiel neue Debatten über Hormone und das Klonen aufkommen, da gibt es eine ganze Reihe saftiger Themen", sagte De Gucht. "All diese Handelshemnisse sind in der Tradition verankert, in der Kultur, in Überzeugungen - und in der natürlichen Tendenz, sich selbst zu schützen.""

Insgesamt denke ich, daß es keinen Grund gibt anzunehmen, daß mit einer Freihandelszone mit den USA soziale Errungenschaften in Europa geschützt werden könnten. Wer wirtschaftspolitische Diskussionen in den US-amerikanischen right-wing Media kennt, der muss das Gegenteil erwarten: alles was aus Europa kommt ist entweder sozialistisch, kommunistisch oder schwul - sogar Fußball. Europäische Krankenversicherungssysteme sind sozialistisch und damit gefährlich. Euthanasie ist die Angst alter Menschen in Holland, die Ketten um den Hals mit der Aufschrift "Don't euthanize me" tragen (Kein Witz!!!) Die jahrzehntelange antikommunistische Propaganda tut ihre Wirkung noch heute.
Und wenn doch (unrealistischerweise) eine TAFTA zustandekäme und die Unternehmen tatsächlich in direkter Konkurrenz stehen würden, wie Müller im Eingangszitat meint, dann käme recht schnell die Frage nach den Wettbewerbsbedingungen auf den Tisch. Ja kann man sich dann die "sozialen Errungenschaften" der Europäer noch leisten? Fünf Wochen haben diese Deutschen Urlaub, die fleißigen Amerikaner nur zwei. Wie lange wird es dauern, bis sich "Hire & Fire" (willkürliche Anstellungen und Entlassungen) auch hierzulande durchsetzt - man muß doch nach denselben Regeln spielen! Das ist dann die Frage: nach welchen Regeln? Wollen wir in Deutschland oder in Österreich (mit seiner "Sozialpartnerschaft") amerikanische Verhältnisse? 

Mag schon sein, daß die amerikanischen "Werte" den europäischen ähnlicher sind, als die letzteren den chinesischen oder indischen "Werten". Identisch sind sie allerdings auch nicht. Und über die Gewinner einer solchen Freihandelszone, da kann man lange diskutieren. Mr. Dax jedenfalls ist überzeugt, daß die großen internationalen Konzerne die Verlierer wären, und sie sich deshalb der guten Kanzlerin entgegenstellen:
"Wenn da nicht die Lobby der internationalen Industrie und des großen Geldes wäre, die einer solchen Idee natürlich gegenübersteht wie der Teufel dem Weihwasser. Denn dann könnte man ja plötzlich nicht mehr die Arbeiter Europas gegen die Arbeiter Asiens ausspielen, und diese wunderbaren „Ausgleichs“-Geschäfte, dass man in Asien billig produziert und in Deutschland teuer verkauft, gingen auch nicht mehr. (Ein besonders krasses Beispiel dafür ist die amerikanische Supermarktkette Wal-Mart: Von ihren 6000 Lieferanten kommen 5000 aus Asien.) Doch leider ist es so, dass die Lobby der Industrie und des Geldes bestimmt, was in Europa und Amerika entschieden wird und was nicht. Nicht das Wohl des Volkes, sondern das Wohl der Mächtigen steht im Vordergrund. Wenn nur die Wahlen nicht immer wären. Dann müsste man der Bevölkerung nicht ständig mit allen möglichen Tricks die Entscheidungen schmackhaft machen und könnte viel freier agieren. So aber muss man den Menschen eben langwierig eintrichtern: „Globalisierung ist gut! Globalisierung ist gut! Globalisierung ist gut!“" Dirk Müller [2010], S. 239.
Im allgemeinen kann natürlich gesagt werden, daß international aufgestellte Unternehmen vom Wegfallen von Zollbeschränkungen ungemein profitieren. Aber der Großteil des deutschen Mittelstandes wird das nicht. Dazu kommt noch, daß jedes bilaterale Abkommen mit einem anderen billig produzierenden Staat natürlich durch die TAFTA nicht verhindert werden würde. Und schon können deutsche Hersteller schon wieder günstig woanders produzieren lassen (mit Kinderarbeit natürlich) aber diesmal in Deutschland UND den USA teuer verkaufen. Fazit: eine Freihandelszone schützt die eigenen "sozialen Errungenschaften" nicht, aber sie schafft hervorragende Profitmöglichkeiten für multinationale Konzerne und Banken (siehe unten).

Wirtschaftssysteme zu vergleichen ist oft schwierig. Aber werfen wir einmal einen kurzen Blick auf die NAFTA, der Freihandelszone zwischen Kanada, den USA und Mexiko, in Kraft getreten 1994. Wie sah es 10 Jahre später aus für Mexiko? Laut Joseph Stiglitz, wies Mexiko ein schwaches durchschnittliches jährliches pro Kopf Wachstum von 1% auf (im Vergleich dazu Südkorea im selben Zeitraum trotz Asienkrise 4,3% und China gar 7%). Die Hoffnungen auf eine Verminderung der Einkommensunterschiede zwischen den USA und ihren südlichen Nachbarn waren - wie überraschend - vergeblich. Ganz im Gegenteil, in 10 Jahren NAFTA wuchsen sie um 10,3%!!! Die Reallöhne mexikanischer Arbeiter fielen um 0,2% jährlich.  Interessant auch: Alle größeren mexikanischen Banken wurden von ausländischen Banken geschluckt (mit einer Ausnahme). NAFTA machte Mexiko zu einem ausgezeichneten Billiglieferanten für US-amerikanische Firmen, verhalf aber nicht zu einer eigenständigen Wirtschaft (Siehe Stiglitz: The Broken Promise of Nafta).

Fazit: Europäische Länder werden entweder mit den USA nicht mithalten können, die sich gerade mittels Freihandel andere Länder als Billigproduzenten halten, oder sie werden es den USA gleichtun.



update 04-12-2012
Spiegel Online: "Phrasomat": Bauen Sie sich Ihre Merkel-Rede!

Thursday, November 1, 2012

Danke für das billige Dope, NATO!




"Zehn [chinesische] Arbeiter wurden meuchlings von anonymen Tätern ermordet. Es handelte sich dabei nicht um einen politisch motivierten Anschlag. Die Chinesen hatten eine Grundregel des afghanischen Spiels mißachtet. Als nämlich der lokale Warlord ihnen - gegen gute Besoldung natürlich - den bewaffneten Schutz seiner Stammeskrieger anbot, hatten die Ingenieure aus der Volksrepublik das leichtfertig abgelehnt. Aber am Hindukusch ist es nun einmal nicht üblich, daß Ausländer solche Offerten ausschlagen und sich weigern, die angeforderte Summe für die wackeren Wächter zu zahlen. Diesen Verstoß gegen die Regeln hatten die Chinesen mit zehn Toten bezahlt und sich seitdem den strengen Überlebensgeboten dieser Region angepaßt. Schließlich verhalten sich die internationalen Kampfeinheiten von "Enduring Freedom" und ISAF ähnlich, wenn sie die sich ständig steigernde Produktion von Opium und Heroin im Umkreis ihrer Stellungen dulden, um sich nicht den Zorn der Nutznießer dieses Geschäfts, der örtlichen Stammesfürsten und Bandenchefs zuzuziehen. Nur unter dieser Bedingung sind ja die meisten NATO-Positionen abzusichern." Peter Scholl-Latour [2008], S. 202.

Als ich kürzlich im Keller eines der vielen Amsterdamer Coffee-Shops der ganzen Palette an Dope und Weed ansichtig wurde, fand ich heraus, daß der Afghane weitaus der Günstigste war. "Der CIA überschwemmt die Welt mit billigem Stoff" hatte ich mir gedacht ...  Nur zu gut, daß "Deutschland am Hinduskusch verteidigt wird" ... 

Besonders Russland leidet an der Heroinschwemme: an die 50 Tonnen (!) sollen jährlich an die alten Feinde Afghanistans geliefert worden sein. Russland verlangte daraufhin von der NATO mehr Härte bei Drogenbekämpfung, doch diese lehnte ab, mit der Begründung, die lokalen Bauern müßten doch Geld verdienen ...




Thursday, September 27, 2012

Die Sehnsucht nach Krieg


27-09-2012: Heute wird der derzeit amtierende Weltmeister in Kriegspropaganda, der Israelische Ministerpräsident Netanjahu, vor der UNO-Vollversammlung sprechen. Anlässlich dieses Ereignisses schreibt eine Frau Juliane von Mittelstaedt im Spiegel Online:


"Eilig geführte Umfragen ergaben angeblich, dass eine Mehrheit der Israelis diesen Krieg fast schon herbeisehnt, egal um welchen Preis. Nur lässt der Schlag gegen Irans Nuklearanlagen auf sich warten." (Der Krachmacher - Netanjahus Iran-Rede vor der Uno)

Diese Zeilen erinnern so stark an den heißen Sommer des Jahres 1939 und die Kriegserwartungen der Polen und Deutschen, daß einem schlecht werden könnte (vergleiche "Nervenkrieg" - Weichgekocht durch Propaganda).





update 28-09-2012: Netanjahus Rede stellte sich wieder einmal als Abfolge mythologischer Geschichten und Spekulationen heraus. Sie begann mit "vor 3000 Jahren herrschte König David über den jüdischen Staat (sic!) in unserer unteilbaren Hauptstadt Jerusalem". (Hier das english transcript). Ich erspare mir hier den Rest, außer dieser Sache mit der Schautafel, die er verwendete, um seinen Zuhörern zu erklären wie eine Bombe funktioniert, oder so ... (Österreicher werden sich an Jörg Haider erinnert fühlen, der 1994 als Erster bei einer Wahldiskussionsrunde im Fernsehen sein berühmtes "Schautaferl" auspackte.*)
Jedenfalls gibt es in der Blogosphäre seither eine neue Welle von Satiren über die "Bibi-Bomb" (ein Ausdruck der geprägt wurde, als sich der israelische Premier bei der Rückkehr Gilad Shalits vor Journalisten ein bißchen zu sehr in den Vordergrund rücken wollte).








Bibi explains the Bullshit Meter: http://joequinn.net/author/joe/


Bibi explains why bags of potato chips consist mostly of air.
  http://israelity.com/2012/09/28/bibi-and-the-bomb/ 








*
aus Thomas Höfer: "Spin Doktoren in Österreich: Die Praxis amerikanischer Wahlkampfberater. Was sie können, wen sie beraten, wie sie arbeiten."


Thursday, September 20, 2012

Randnotiz zum Anti-Islam Video


Nachdem angeblich koptische Christen mit Hilfe eines ulkigen Schüler-Videos vorgeblich die halbe moslemische Welt dazu gebracht hatten wie auf Knopfdruck auf die Barrikaden zu steigen, könnte man sich wieder einmal die Frage stellen, was die Christenheit tatsächlich über "die anderen" denkt. Schlagen wir mal im Wörterbuch nach:


Koran subst. masc.
Ein Buch, von dem die Moslems törichterweise glauben, dass es auf göttliche Inspiration zurückgehe, von dem jedoch die Christen wissen, dass es sich um eine bösartige Hochstapelei handelt, die im Widerspruch zur Heiligen Schrift steht.
 Ambrose Bierce, Aus dem Wörterbuch des Teufels


Falls Sie ein Christ sind und diesen Witz nicht verstanden haben sollten, dann wird Ihnen der Eintrag über die "Heilige Schrift" auch nicht weiterhelfen:


Bibel subst. fem.
Das heilige Buch unserer Religion, im Unterschied zu den falschen und profanen Schriften, auf denen alle anderen Glaubenslehren beruhen.
Ambrose Bierce, Aus dem Wörterbuch des Teufels

Ok, machen Sie sich nichts vor! Sie haben einfach nicht kapiert, um was es geht ...


Heilig adj.
Einem religiösen Zweck geweiht; göttlicher Natur; feierliche Gedanken und Gefühle einflößend wie: der Dalai Lama von Tibet; der Mugum von M'bwango; der Affentempel in Ceylon; die Kuh in Indien; das Krokodil, die Katze und die Zwiebel im alten Ägypten; der Mufti von Muhsch; das Haar des Hundes, der Noah biss, usw ...
Ambrose Bierce, Aus dem Wörterbuch des Teufels


Tuesday, September 18, 2012

Derivatehändler: "Etwas weniger Krieg und etwas weniger Korruption"


Die USA haben heuer rund 1 Bio. $ mehr ausgegeben als durch Steuern eingenommen. Gemessen am Bruttoinlandprodukt (BIP) hat nur Griechenland ein noch höheres Defizit. Im Gegensatz zu den Südeuropäern haben die Amerikaner jedoch ihr Schicksal in der eigenen Hand. Sie können mit Sparmassnahmen den Haushalt schnell wieder in Ordnung bringen, zumal die grössten Ausgaben einerseits beim Militär und anderseits in der Krankenpflege liegen. Etwas weniger Krieg und etwas weniger Korruption bei Ärzten und Spitälern – und die USA wären wieder auf Kurs. An Wachstumskraft und Wettbewerbsfähigkeit fehlt es nicht. Dazu kommt, dass die Abwertung des Dollars und die rekordtiefen Erdgaspreise zur Senkung der Produktionskosten im internationalen Vergleich beigetragen haben. Selbst Apple-CEO Tim Cook hat schon laut darüber nachgedacht, einen Teil seiner Produktion wieder in die USA zurückzubringen. (Der US-Schuldenberg als Krebsgeschwür, Krim Delko, NZZ Online, 18.9.2012)

Im Prinzip stellt der parasitäre Bereich des US-Militärs mit allen seinen privaten und staatlichen Handlangern ebenso eine Art von Korruption dar, wie das US-Gesundheitswesen, das von Pharmariesen dominiert wird. Letztlich sind jene aber doch nur zwei von vielen Stolpersteinen, die dem Hegemon zum Verhängnis werden müssen. Da es sich beim Schreiber der eingangs zitierten Zeilen um Krim Delko handelt - einem Derivatehändler, muss man sich auch nicht fragen, warum er das US-Bankwesen ganz unerwähnt lässt. In der Krise schieben sich die Verantwortlichen gegenseitig die Schuld zu. Man merkt, dass wir uns nun schön langsam wieder weg von der Eurokrise hin zum US-Schuldenberg bewegen dürfen, denn das sog. Fiscal Cliff der USA muss bis Jahresende 2012 abgehandelt werden.

Siehe auch:  »Fiscal Cliff« — nicht das einzige Problem der US-Haushaltspolitik
U.S. health care is a 'subtle form of corruption' says leading cancer doctor
Eisenhower and the Merchants of Death
Guns-to-Caviar Index / Kaviar-Kanonen-Index




Tuesday, July 17, 2012

Ein Versicherer spricht sich für das Trennbankensystem aus


"Banken müssten auch Pleite gehen können und nicht ständig mit Steuergeldern aufgefangen werden, weil sie zu groß und vernetzt seien. Das klassische Geschäft müsse vom schwankungsanfälligen und riskanteren Investmentbanking getrennt werden. Damit spricht sich von Bomhard, ohne den Namen der Deutschen Bank zu nennen, beispielsweise für eine Aufspaltung des Frankfurter Instituts aus. Investoren müssten zudem zwingend an Wertpapierverlusten beteiligt werden, damit wieder besser mit Risiken umgegangen werde. „Die Gläubigerbeteiligung ist unverzichtbar.“ Notfalls müssten Kredite teurer werden."

Das klingt vernünftig. Die Angst der Politiker vor dem finanziellen Chaos und dem Stimmenverlust bei der Mehrheit der kleinen Sparern, deren Bankguthaben auf dem Spiel steht, kann so eingedämmt werden und verschafft größere politische Unabhängigkeit. Die potentielle Gefahr eines schwarzen Freitags - dem Ansturm der kleinen Leute auf ihre Banken - kann durch die Trennung zwischen klassischen Bankgeschäft und risikoreichem Kasino-Kapitalismus deutlich abgeschwächt werden. Dieselbe Diskussion gibt es in den USA seit langem. Schon zuvor erodiert, wurde unter dem Demokraten Clinton dieses Trennbankensystem - gewährleistet durch den Glass-Steagall Act 1933 - endgültig abgeschafft. Spätestens seit dem Untergang der Investment Bank Lehman Brothers 2008, denkt man auch in den USA an eine mögliche Wiedereinführung dieses Gesetztes.

Neben dem Versicherer Nikolaus von Bomhard, hält u.a. auch der Ökonom Michael Burda diese Art von Regulierung für möglich:

"Harte Regulierung ist möglich. Schauen Sie den Glass Steagall Act von 1933 an, der wohl auch mit Hilfe von Populisten eingeführt wurde. Über mehr als fünf Jahrzehnte galt das Trennbankensystem. Das Investmentbanking wurde abgetrennt, die Geschäftsbanken hatten nur noch wenig Spielräume. Zocken ging da nicht mehr. Durch eine stumpfe geographische Begrenzung der Geschäftsbankenaktivitäten wurde erreicht, dass keine Bank „too big to fail“ wurde."

Saturday, June 30, 2012

Die Last der Zivilsation II


"Um Platon zu verstehen, müssen wir uns die ganze zeitgenössische Situation vor Augen führen. Nach dem Peloponnesischen Krieg wurde die Last der Zivilisation so schwer wie nie zuvor. Die alten oligarchischen Hoffnungen waren noch immer lebendig, und die Niederlage Athens trug sogar dazu bei, sie zu ermutigen. Der Klassen-kampf dauerte weiter an. Doch der Versuch des Kritias, die Demokratie zu zerstören und das Programm des alten Oligarchen durchzuführen, war fehlgeschlagen. Nicht aus Mangel an Entschiedenheit. Der rücksichtslose Gebrauch von Gewalt hatte sich als erfolglos erwiesen, trotz günstiger Umstände in Gestalt einer mächtigen Unterstützung von seiten des siegreichen Sparta. Platon fühlte die Notwendigkeit einer völligen Rekonstruktion des Programmes. Die Dreißig waren auf dem Gebiet der Machtpolitik hauptsächlich deshalb gescheitert, weil sie den Gerechtigkeitssinn der Bürger beleidigt hatten. Ihre Niederlage war vor allem eine moralische Niederlage gewesen. Der Glauben an die große Generation hatte seine Stärke bewiesen. Die Dreißig hatten nichts Ähnliches zu bieten – sie waren moralische Nihilisten. Das Programm des alten Oligarchen, das fühlte Platon, konnte nicht belebt werden, wenn man es nicht auf einen anderen Glauben gründete, auf einen Glauben, der die alten Stammeswerte wieder herstellte und sie dem Glauben an die offene Gesellschaft entgegensetzte. Die Menschen müssen gelehrt werden, daß Gerechtigkeit Ungleichheit ist und daß der Stamm, das Kollektiv, höher steht, als das Individuum." Karl Popper [1945], Kapitel 10, Abschnitt IV

"Dieser Traum von Einheit, Schönheit, Vervollkommnung, dieser Ästhetizismus, Holismus und Kollektivismus, ist Wirkung und Symptom des verlorenen Gruppengeistes des Stammes68. Er drückt die Gefühle und Hoffnungen aller Menschen aus, die unter der Last der Zivilisation leiden, und er appelliert an diese Gefühle. (Es gehört zu dieser Last, daß wir uns der Unvollkommenheiten unseres Lebens, der persönlichen wie auch der institutionellen Unvollkommenheiten, immer mehr und immer schmerzlicher bewußt werden; daß wir vermeidbares Leiden, Verschwendung und unnötige Häßlichkeit in immer größerem Ausmaße bemerken; und daß wir zur gleichen Zeit erkennen, daß es uns nicht unmöglich ist, etwas zur Verbesserung beizutragen; daß aber solche Verbesserungen ebensoschwer zu erreichen sind, als sie wichtig sind. Diese Gewißheit vergrößert die Last der persönlichen Verantwortung: wir tragen das Kreuz dafür, daß wir menschlich sind.)" Karl Popper [1945], Kapitel 10, Abschnitt IV

"Ich nehme an, daß das, was ich die «Last der Zivilisation» nenne, dem Phänomen ähnlich ist, das Freud vorschwebte, als er Das Unbehagen in der Kultur schrieb. Toynbee spricht von einer Empfindung des Dahintreibens (A Study of History V 412 ff.), aber er beschränkt es auf «Perioden der Auflösung», während ich das, was ich meine, sehr klar bei Heraklit ausgedrückt finde (Spuren finden sich bereits bei Hesiod); – und das lange vor der Zeit, zu der sich das, was Toynbee die «hellenische Gesellschaftsordnung» nennt, «aufzulösen» beginnt. Meyer spricht vom Verschwinden der «Geburtsstände, welche jedem Menschen seine Lebensstellung, seine bürgerlichen und sozialen Rechte und Pflichten und mit dem ererbten Beruf zugleich einen sicheren Erwerb unabänderlich zuwiesen» (Geschichte des Altertums, 1. Auflage, 1901 III 542). Diese Stelle gibt eine gute Beschreibung der Spannung in der griechischen Gesellschaftsordnung des fünften vorchristlichen Jahrhunderts." Karl Popper, [1945], Fußnote 8 zu Kapitel 10.

Wednesday, June 27, 2012

Die Last der Zivilisation I


"Der Zusammenbruch der Stammesformen, der geschlossenen Gesellschaftsordnungen Griechenlands, läßt sich bis auf die Zeit zurückverfolgen, in der das Wachstum der Bevölkerung sich in der herrschenden Klasse der Grundbesitzer fühlbar machte. Dies bedeutete das Ende der «organischen» Gebundenheit an den Stamm. Denn damit entstanden soziale Spannungen innerhalb der geschlossenen Gesellschaft der herrschenden Klasse. Zuerst schien es eine gewissermaßen «organische» Lösung dieses Problems zu geben, nämlich durch die Gründung von Tochterstädten. (Der «organische» Charakter dieser Lösung wird durch die magischen Prozeduren unterstrichen, die man bei der Aussendung der Kolonisten einhielt.) Aber dieses Ritual der Kolonisation konnte den Zusammenbruch nur hinausschieben. Es schuf sogar neue Gefahrenzonen, überall dort, wo es zur Berührung mit fremden Kulturen führte. Denn dort entstand die vielleicht größte Gefahr für die geschlossene Gesellschaft, der Handel, sowie eine neue Klasse, die sich mit Handel und Schiffahrt beschäftigte. Im sechsten Jahrhundert v. Chr. hatte diese Entwicklung zur teilweisen Auflösung der alten Lebensformen und sogar zu einer Reihe politischer Revolutionen und Reaktionen geführt. Und sie hatte nicht nur, wie in Sparta, zu Versuchen Anlaß gegeben, die alte Stammesform zu retten und die begonnene Entwicklung gewaltsam zum Stillstand zu bringen, sondern auch zu jener großen geistigen Revolution, zur Erfindung der kritischen Diskussion und damit zu einem Denken, das frei war von der Starrheit magischer Zwangsvorstellungen. Zur gleichen Zeit finden wir die ersten Symptome eines neuen Unbehagens. Die Last der Anforderungen der Zivilisation begann fühlbar zu werden
Diese Last, dieses Unbehagen, ist eine Folge des Zusammenbruchs der geschlossenen Gesellschaftsordnung. Sie wird auch heute noch gefühlt (und in Deutschland gerne mit dem Hegelianisch-sentimentalen Namen «Selbstentfremdung des Menschen» belegt). Es ist eine Last, die von allen getragen werden muß, die in einer offenen und teilweise abstrakten Gesellschaft leben und die sich bemühen müssen, vernünftig zu handeln, zumindest einige ihrer emotionalen und natürlichen sozialen Bedürfnisse unbefriedigt zu lassen und für sich und für andere verantwortlich zu sein. Wir müssen, glaube ich, die Last auf uns nehmen, als einen Preis, den wir zahlen müssen für jede neue Erkenntnis, für jeden weiteren Schritt zur Vernunft, zur Zusammenarbeit, zur gegenseitigen Hilfe; für jede Verlängerung des durchschnittlichen Lebensalters; und für jeden Bevölkerungszuwachs. Es ist der Preis für die Humanität." Karl Popper [1945], Kapitel 10, Abschnitt 2

Saturday, June 23, 2012

Der Wunsch auserwählt zu sein


"Die Lehren vom auserwählten Volk, der auserwählten Rasse und der auserwählten Klasse haben folgendes gemeinsam: Sie alle entstanden als Reaktion gegen irgendeine Unterdrückung und gewannen auf diese Weise an Bedeutung. Die Lehre vom auserwählten Volk erhielt ihre Bedeutung zur Zeit der Gründung der jüdischen Kirche, d. h. während der Babylonischen Gefangenschaft; Graf Gobineaus Theorie von der arischen Herrenrasse war eine Reaktion des aristokratischen Emigranten auf die Behauptung, die Französische Revolution habe die teutonischen Herren mit Erfolg vertrieben. Marx’ Prophezeiung vom Sieg des Proletariats ist die Antwort auf eine der düstersten Perioden der Unterdrückung und Ausbeutung in der modernen Geschichte." Karl Popper [1945] Footnote 3 to Chapter 1

"Die Lehre vom auserwählten Volk ist das Produkt einer Gesellschaft, die in Stämmen organisiert ist. Der Tribalismus, das heißt das Hervorheben der außerordentlichen Bedeutung des Stammes, ohne den das Individuum nicht die geringste Bedeutung besitzt, ist ein Element, das wir in vielen Formen historizistischer Theorien finden werden. [...] Eine andere Seite der Lehre vom auserwählten Volk ist, daß das, was als das Ziel der Geschichte hingestellt wird, in der fernsten Zukunft liegt. Dieses Ziel läßt sich zwar mit einer gewissen Bestimmtheit beschreiben. Dennoch haben wir einen langen Weg zurückzulegen, um es zu erreichen. Und dieser Weg ist nicht nur lang, sondern verschlungen, er führt aufwärts, abwärts, nach rechts und nach links. Es ist daher möglich, jedes erdenkliche historische Ereignis in diesem Deutungsschema unterzubringen: Keine erdenkliche Erfahrung kann das Schema widerlegen. Denen aber, die an es glauben, verleiht es Sicherheit in bezug auf den schließlichen Ausgang der menschlichen Geschichte." Karl Popper [1945] Ch.1

"Zu Beginn stand das Christentum wie auch die kynische Bewegung im Gegensatz zum gelehrten platonisierenden Idealismus und Intellektualismus der schreibenden Autoren, der "Schriftgelehrten". ("Du hast diese Dinge vor den Weisen und Klugen verborgen und sie den Kindern geoffenbart.") Ich zweifle nicht, dass es teilweise ein Protest war gegen eine Bewegung, die man als den jüdischen Platonismus im weiteren Sinn beschreiben könnte, ein Protest gegen die abstrakte Verehrung Gottes und seines Worts. Und es war ganz gewiß ein Protest gegen die jüdische Stammesgesellschaft, gegen ihre starren und leeren Stammestabus und gegen die Exklusivität des jüdischen Stammes, die sich zum Beispiel in der Lehre vom auserwählten Volk äußerte, das heißt in einer Interpretation der Gottheit als Stammesgott. Es scheint, daß ein derartiges Betonen der Stammesgesetze und der Einheit des Stammes nicht so sehr eine primitive Stammesgesellschaft charakterisiert, sondern daß es vielmehr ein verzweifelter Versuch ist, die alten Formen des Stammeslebens wiederherzustellen und festzuhalten. Und im Fall des Judentums scheint es eine Reaktion gegen die Auswirkungen der babylonischen Eroberungen auf das jüdische Stammesleben gewesen zu sein. Aber Seite an Seite mit dieser Bewegung zu größerer Starrheit finden wir eine andere Bewegung, die gleichzeitig entstanden sein dürfte und die humanitäre Ideen produzierte, Ideen, welche der Reaktion der großen Generation auf die Auflösung des griechischen Stammeslebens sehr ähnlich waren. Dieser Prozeß scheint sich wiederholt zu haben, als die jüdische Unabhängigkeit schließlich von Rom zerstört wurde. Das führte zu einem neuen und tieferen Schisma zwischen den beiden möglichen Lösungen, der Rückkehr zum Stamm, dargestellt vom orthodoxen Judentum, und der humanitären Einstellung der neuen Sekte der Christen, die Barbaren (oder Heiden) und auch Sklaven umfaßte. Aus der Apostelgeschichte können wir ersehen, wie ernsthaft diese Probleme waren, das soziale Problem und das nationale Problem; und dasselbe läßt sich aus der Entwicklung des Judentums ablesen; denn die Konservativen reagierten auf genau dieselbe Situation mit einem zweiten Versuch, ihre Stammeslebensformen festzuhalten und zu versteinern, indem sie sich an ihre «Gesetze» klammerten mit einer Zähigkeit, die den Beifall Platons gewonnen haben würde. Es läßt sich kaum bezweifeln, daß diese Entwicklung, wie auch die Entwicklung der Ideen Platons, durch einen starken Widerstand gegen das neue Kredo der offenen Gesellschaft, in diesem Fall gegen das Christentum, inspiriert war." Karl Popper [1945] Ch.11, Section III.



Monday, June 18, 2012

Historizismus


"Es ist eine weitverbreitete Annahme, daß eine wahrhaft wissen-schaftliche oder philosophische Haltung der Politik gegenüber und ein tieferes Verständnis des Soziallebens im allgemeinen auf einer Betrachtung und Deutung der menschlichen Geschichte beruhen müsse. Während der gewöhnliche Mensch den Rahmen seines Lebens und die Bedeutung seiner persönlichen Erfahrungen und kleinlichen Sorgen als gegeben hinnehme, habe der Sozialwissenschaftler oder Philosoph die Dinge von einer höherenWarte aus zu betrachten. Für ihn ist das Individuum eine Schachfigur, ein ziemlich unbedeutendes Instrument in der allgemeinen Entwicklung der Menschheit. Und er findet, daß die wahrhaft bedeutenden Schauspieler auf der Bühne der Geschichte entweder die Großen Nationen und ihre Großen Führer sind, oder vielleicht die Großen Klassen, oder die Großen Ideen … Wie dem auch sei – er wird versuchen, den Sinn des Spiels zu begreifen, das auf der historischen Bühne aufgeführt wird; er wird versuchen, die Gesetze der historischen Entwicklung zu verstehen. Und wenn ihm dies gelingt, so wird er wohl auch zukünftige Entwicklungen voraussagen können. Er kann dann die Politik auf einer soliden Grundlage aufbauen und praktische Anweisungen geben, indem er uns mitteilt, welche politischen Handlungen aller Wahrscheinlichkeit nach erfolgreich sein werden und welche nicht. Dies ist die kurze Beschreibung einer Einstellung, die ich Historizismus nenne. Dieser ist eine alte Idee oder vielmehreine lose verbundene Gruppe von Ideen, die, unglück-licherweise, so sehr ein Teil unserer geistigen Atmosphäre geworden sind, daß sie gewöhnlich als gegeben hingenommen und kaum je in Frage gestellt werden. [..] Wenn aber der Historizismus eine unbrauchbare Methode darstellt und wertlose Resultate hervorbringt, dann mag es nützlich sein, seiner Entstehung nachzugehen und zu untersuchen, wie es möglich war, daß er sich so erfolgreich festsetzen konnte. Ein historischer Überblick, mit dieser Absicht unternommen, kann zur gleichen Zeit dazu dienen, die verschiedenen Ideen zu analysieren, die sich nach und nach um die zentrale historizistische Lehre angesammelt haben – die Lehre, daß die Geschichte von besonderen historischen oder Entwicklungsgesetzen beherrscht ist, deren Entdeckung uns die Möglichkeit geben würde, das Schicksal der Menschen vorauszusagen.
Soweit habe ich den Historizismus auf ziemlich abstrakte Weise gekennzeichnet. Er läßt sich vortrefflich illustrieren durch die Lehre vom auserwählten Volk, eine seiner einfachsten und ältesten Formen. Diese Lehre ist einer der Versuche, die Geschichte durch eine theistische Interpretation verständlich zu machen, also dadurch, daß man Gott als den Urheber des Spiels auf der historischen Bühne ansieht. Die Theorie nimmt, genauer gesagt, an, daß Gott ein Volk zum auserwählten Werkzeug seines Willens erkoren hat und daß dieses Volk die Erde besitzen wird. In dieser Lehre ist es der Wille Gottes, der das Gesetz der historischen Entwicklung bestimmt. Dadurch unterscheidet sich die theistische Form des Historizismus spezifisch von anderen Formen. Ein naturalistischer Historizismus zum Beispiel könnte das Entwicklungsgesetz als ein Naturgesetz ansehen; ein spiritueller Historizismus würde es als ein Gesetz der geistigen Entwicklung betrachten; ein ökonomischer Historizismus wieder als ein Gesetz der ökonomischen Entwicklung. Der theistische Historizismus hat mit diesen anderen Formen die Lehre gemeinsam, daß es besondere historische Gesetze gibt, die entdeckt werden können und auf die sich Voraussagen über die Zukunft der Menschheit gründen lassen."

Karl Popper [1945] Kapitel 1: Der Historizismus und der Schicksalsmythos; Hervorhebung base2014.

Wednesday, June 13, 2012

CERN: Mut versus Peinlichkeit


Der Unterschied zwischen religiösen Menschen und kritisch rationalen Menschen ist groß: während für die Anhänger eines Glaubens gewisse Annahmen tabu sind und nicht hinterfragt werden dürfen, ist dies beim kritisch denkenden Menschen nicht der Fall, für den theoretisch jede seiner Annahmen fallibel bleibt, wenn er praktisch gesehen auch nicht ständig an ihnen zweifeln muß. Dieser Unterscheidung ist erkenntnistheoretischer Natur.
Die Logik, die dieser kritischen Methode zugrunde liegt, ist die: ausgehend von meinen Annahmen, Definitionen, empirischen Daten und Hypothesen über die Welt, und den logischen Regeln, mit deren Hilfe ich Konsequenzen aus diesen ableite und überprüfe, erweitere ich stetig meinen Horizont. Treffe ich auf Widersprüche, muß ich ich mir die Frage stellen, was an meinem theoretischen Gebäude nicht stimmt. 

D1, ..., Dn (Definitionen)
R1, ..., Rs (logische Ableitungsregeln)
ED1, ..., EDm (empirische Daten)
H1, ...,Hk (Hypothesen)
--> Widerspruch

Irgendetwas muß falsch sein: entweder liegt es an meiner Beobachtung (meinen empirischen Daten) oder eine (oder mehrere) meiner Annahmen, Definitionen, Hypothesen oder Ableitungsregeln sind falsch bzw. problematisch. Dementsprechend setzte ich voraus, daß sich meine Annahmen jederzeit als falsch herausstellen können (inklusive Definitionen, die in logischen Systemen auch wahr oder falsch sind). Was ich hier mache ist ein Rückschluß mit Hilfe der Regel:

A1,...,An --> Widerspruch (B und nichtB)
nichtA1 oder ... oder nichtAn

Als die Wissenschaftler des CERN letztes Jahr zu dem Ergebnis kamen, daß sich Neutrinos schneller als Licht bewegen könnten, standen sie vor genau so einem Rätsel: irgendetwas mußte an ihrem Theoriengebäude falsch sein, vorausgesetzt ihre empirischen Daten stimmten. Also baten sie die Amerikaner um Hilfe, ihre Ergebnisse zu überprüfen, denn diese hätten Einsteins berühmtes Resultat über die Lichtgeschwindikeit falsifiziert. Im nachhinein stellte sich dann heraus, daß die in Frage stehende Meßdatenreihe falsch war, aufgrund eines trivialen technischen Versehens: einem losen Kabel.
Die Leute von CERN hatten zweifellos Mut: daß sich nichts schneller als Licht bewegt, ist immerhin ein über die Jahre sehr gut überprüftes Resultat und seine Falsifizierung hätte eine Revolution in der Physik bedeutet. Aber sie hatten keine Angst sich lächerlich zu machen. Sie hatten sich nicht gescheut, das Risiko einzugehen, sich vor der gesamten "Fachwelt" zu "blamieren". Aber anstatt ihnen Respekt zu zollen, werden sie mit Spott und Hohn übergossen, obwohl sie ja selbst immer betont hatten, sie seien skeptisch und obwohl sie andere Wssenschaftler um Hilfe gebeten hatten, ihre Ergebnisse zu überprüfen:



"Der Kurznachrichtendienst Twitter läuft mit Kommentaren voll und mehr oder weniger ernst gemeinten Deutungsversuchen. Beiträgen wie diesen: „Weltbild wiederhergestellt“, „Alter Netzwerker-Spruch: Die Intelligenz liegt im Kabel“, „Keine überlichtschnellen Neutrinos. Jemand hatte bloß auf den Turbo-Knopf gedrückt. (Lasset uns ein Mem draus machen!)“, “Kabelsalat im Cern“, „Ach wie schade - die Epoche der Neutrino-Witze wird wohl eine kurze gewesen sein“."

Diese übertriebene Betonung der Peinlichkeit einen Fehler gemacht zu haben ist selbst peinlich  (Peinlich: Kabel-Defekt statt superschnelle Neutrinos). Fehler passieren überall - auch in der Geschichte der Wisenschaften sind Fehler keine Seltenheit. Nur weil man in der Politik, in Sport und Kunst selten und in der Religion so gut wie nie Fehler eingesteht, sollte man sich aber davon nicht täuschen lassen, daß wir alle fallibel sind. Und daher sollte man der weit verbreiteten Kultur der Fehlerlosigkeit höchst skeptisch gegenüber stehen.

Übrigens, die dümmste Überschrift stammte sicherlich vom Online Focus: Niemand bricht Einsteins Gesetz. (Kommt man dafür ins Gefängnis?) Manche Leute kennen tatsächlich nicht den Unterschied zwischen empirischen und normativen Gesetzen, den Unterschied zwischen Sein und Sollen. Das ist vom selben geistigen Zuschnitt, der wohl auch dem 7-Jährigen Stephen Greenblatt verboten hatte, ein mutiges Experiment zu wagen.


Tuesday, June 12, 2012

Ein spätes Nachwort


"Seit jeher ist es mir wichtig, Dinge zu verändern. Worte und Vorstellungen sind für mich nur interessant, wenn sie zum Handeln führen. Schon immer brach ich leidenschaftlich gern mit alten Gewohnheiten, um das Unmögliche möglich zu machen und neue Handlungsspielräume zu eröffnen. Deshalb begann ich bereits in jungen Jahren, Verantwortung zu übernehmen und das auszuüben, was wir gemeinhin "Macht" nennen."*

Vor einem Monat, am 6. Mai 2012, verlor der Mann, der so gerne "Verantworung" übernahm, gegen seinen Herausforderer in einer Stichwahl mit 48,38 gegen 51,62 Prozent der Stimmen: Nicolas Sarkozy. Den Zug zur Macht hatte er wohl, aber die Verantwortung müssen nun - wie immer - die anderen tragen. Das Eingangszitat ist mehrfacher Hinsicht interessant.


Erstens erscheint es mir immer suspekt, wenn Leute von sich sagen, sie wollten etwas verändern, ohne zu sagen, was es denn ist, das sie verändern wollen. Die Skepsis, die man gegenüber solchen Ansprüchen empfindet, ist nicht unbegründet und beruht auf den schlechten Alltagserfahrungen mit Leuten, die sich nur wichtig machen wollen, aus Gründen heraus, die in ihrer problematischen Persönlichkeit liegen. Ziel haben sie keins, aber Macht wollen sie schon.

Zweitens, scheint Sarkozy darin einem gewissen Hang zum Pragmatismus Ausdruck zu verleihen: "Worte und Vorstellungen sind für mich nur interessant, wenn sie zum Handeln führen". Demnach ist eine mathematische Gleichung, für die keine Anwendung bekannt ist, uninteressant. Dasselbe gilt auch für politische Theorien. Aber welche Theorie führt denn von sich aus zum Handeln? Theorien enthalten üblicherweise keine Regeln oder Rezepte für ihre Anwendung. Dafür muß man schon selbst sorgen. Es gibt natürlich Ausnahmen - eine Theorie der Temperaturmessung enthält meistens auch Handlungsanweisungen. Wahrscheinlich wendet sich Sarkozy hier einfach gegen das Theoretisieren im Allgemeinen, die Grundsatzdebatten, das Philosophische - was einen nicht wundert, wenn man die französische Kaugummi-Philosophie kennt (die deswegen so genannt wird, weil sie gerne sehr dehnbare Begriffe enthält). Solche Typen gibt es. Sie reden davon, wie unnütz und uninteressant Philosophie ist, merken aber nicht, daß sie selbst philosophieren - und das meistens sehr schlecht. Rationale Diskussion beruht auf expliziter Argumentation bei der man von Voraussetzungen (Prinzipien) ausgehend Schlüsse zieht. (Selbst induktive Schlüsse oder Wahrscheinlichkeitsargumente kommen nicht ohne allgemeine Annahmen und Regeln aus). Berufspolitiker geben ihre (philosophischen) Prinzipien leider nur selten bekannt. Diese bieten immer einen Angriffspunkt für ihre Konkurrenten, vor allem wenn diese Ausgangspunkte schlecht überlegt sind. In gewisser Weise werden Politiker auch berechenbarer, wenn sie explizit argumentieren. Und so werden Leute ans Licht der Öffentlichkeit geschwemmt, die sich jederzeit durchlavieren, die nichts anderes zu bieten haben, als geschickte ad-hoc Lösungen, die sich auf den ersten Blick gut verkaufen lassen. Und wenn die Medien erwähnen, dieser oder jener sei "pragmatisch", dann heißt das nichts anderes, als daß er gut im Durchwurschteln ist, weil er sich nicht an "ideologische" Prinzipien zu halten hat (als ob alle Prinzipien Dogmen wären) und leicht zu dem überredet werden kann, was andere von ihm wollen. ("Man kann mit ihm Geschäfte machen.") Pragmatische Politiker erkennt man sehr leicht an ihrer verkürzten oder überhaupt fehlenden Argumentation. Stattdessen beschränken sie sich darauf "Standpunkte" einzunehmen - meistens gerade diejenigen, die gefragt sind (von wem auch immer). Sarkozy war so ein Typ. Wenn man seine "Bekenntnisse" liest, stößt man immer wieder auf fehlende oder verkürzte Argumentationen, dafür umso mehr auf seine Standpunkte - eben seine "Bekenntnisse". 'Bekenntnispolitik' wäre ein treffender Ausdruck.

Nicht daß mir alle seine Standpunkte unsympathisch gewesen wären. Ich stimme ihm zu, wenn er meint, man müsse fordern können, Spott zu ertragen, und auch daß es in einer Demokratie keine Tabuthemen geben sollte (bzw. daß die Freiheit der Meinungsäußerung eines der höchsten Güter ist). Doch seine Argumentation für diese Forderungen ist eher schwach, obwohl sie für seine Begriffe wirklich ausführlich ist:

"Ich bin überzeugt, daß in unserer Demokratie eher zu wenig als zu viel debattiert und kritisiert wird. Diese Auffassung brachte mich dazu, Position für die Karikaturisten zu beziehen, die mit ihren Mohammed-Zeichnungen einen Skandal auslösten. Man kann mir also kaum Voreingenommenheit gegenüber Karikaturisten vorwerfen, die mich, das kann man wohl so sagen, nicht immer gut behandelt haben. Ich wurde auf alle nur erdenkliche Weise und zu jedem erdenklichen Thema karikiert. Mein Privatleben, mein Aussehen, meine Worte und meine Politik wurden angegriffen, und das nicht immer besonders elegant und häufig sogar schmerzhaft.
Doch wie überzogen Karikaturen auch sein mögen, sie nutzen der Demokratie. Sie zwingen die Politiker, auf dem Boden zu bleiben. Sie bringen aktuelle Sachverhalte oder den Charakter bestimmter Personen oft treffend auf den Punkt. Sie bilden einen Freiraum, den die Demokratie braucht. Es darf keine Tabuthemen geben, sonst käme eine sehr lange Liste heraus. Ich glaube an Gott und gehe manchmal in die Kirche, doch ich glaube zugleich, dass Religion, wie auch politische Macht, Kritik, Karikatur und Spott hinnehmen muss. Das trifft für alle Religionen zu, auch auf den erst jüngst in Frankreich angekommenen Islam, der nicht die Gleichheit der Rechte ohne die Gleichheit der Pflichten beanspruchen kann. Respektlos gegenüber den Muslimen sind letztlich nicht ein paar Karikaturen, die den Propheten verspotten, wie auch Jesus Christus verspottet wird. Respektlos wäre vielmehr anzunehmen, die französischen Muslime unterschieden sich von den anderen Bürgern."**

Aber, so überzeugend sein knappes Argument der Schiefen Ebene auf den ersten Blick auch sein mag, es ist als Begründung problematisch. Versuchen wir es einmal zu paraphrasieren und nehmen wir an, daß A, .., Z irgendwelche Aussagen seien:


1) Wenn wir verbieten, daß über A öffentlich gespottet wird, dann müssen wir auch verbieten, daß über B, C, ..., Z öffentlich gespottet werden darf. (Konsistenzforderung, Vermeidung von Double-Standards))
2) Wir verbieten, daß über A öffentlich gespottet werden darf.
K) wir müssen auch verbieten, daß über B, C, ..., Z öffentlich geredet werden darf.


Die Konklusion K) ist aber absurd (schränkt unseren Freiraum zu sehr ein), also werden/können wir nicht verbieten, daß über A öffentlich gespottet werden darf (falls wir Double-Standards vermeiden wollen, und das wollen wir.)


Nun, Argumente der Schiefen Ebene sind eigentlich Argumentformen, die etwas unterschlagen, nämlich eine explizite Formulierung von 1). ABER, wenn die Konsistenzforderung explizit begründet wird, dann kann sich das Argument als logisch korrekt herausstellen. Aber dazu muß man die Kriterien explizit angeben, welche einen logischen Schluß von A nach B, C, ..., Z erlauben, m.a.W. Kriterien, nach denen B, C, ..., Z wesentlich (juristisch, moralisch) gleichartig oder ähnlich sind. Die Mühe hat sich Sarkozy aber nicht gemacht. (Er spricht nur von Tabuthemen - aber das kann alles sein.)
Man könnte es probieren mit dem Kriterium "ein Religionsgründer zu sein". Aber dann könnte jeder Salafist daherkommen dieses Kriterium infrage stellen: Warum greifen wir Religionsgründer heraus, warum dürfen wir nicht alle Menschen - ob tot oder lebendig - verspotten? Mögliche Antwort: solange die Persönlichkeitsrechte nicht veletzt werden und sonstige Tatbestände nicht vorliegen - kein Problem! In Frankreich mag dies greifen (keine Ahnung), im deutschen Recht gibt es da allerdings einige Gummiparagraphen, die das Verspotten von religiösen Aussagen sehr schnell ins kriminelle Eck rücken (siehe German Criminal Code § 166).
Folgendes sehr einfaches Kriterium ist da eher vielversprechend: "ist die Meinung einer Person". Über Personen zu spotten mag in vielerlei Hinsicht problematisch sein und zeugt oft genug von schlechtem Geschmack oder Respektlosigkeit. Aber die Meinungen von Personen zu kritisieren, zu karikieren und zu verspotten, das sollte jedem offen stehen. Ein guter alter Standard der kritischen Rationalisten lautet: Töte Meinungen, nicht Menschen! Wenden wir dieses Kriterium auf Sarkozys Argument an, dann macht es plötzlich wirklich Sinn:


1) Wenn wir verbieten, daß über religiöse Meinungen/Ansichten öffentlich gespottet wird, dann müssen wir auch verbieten, daß über politische, wissenschaftliche, ökonomische, philosophische, etc. Meinungen/Ansichten öffentlich gespottet werden darf. (Konsistenzforderung, Vermeidung von Double-Standards))
2) Wir verbieten, daß über religiöse Meinungen öffentlich gespottet werden darf.
K) wir müssen auch verbieten, daß über  politische, wissenschaftliche, ökonomische, philosophische, etc. Meinungen/Ansichten öffentlich gespottet werden darf.

Die Konklusion K) ist aber absurd (schränkt unseren Freiraum zu sehr ein), also werden/können wir nicht verbieten, daß über religiöse Meinungen öffentlich gespottet werden darf (falls wir Double-Standards vermeiden wollen, und das wollen wir.)

Und wenn religiöse Fanatiker das Karikieren ihrer Ansichten nicht aushalten, dann sollten sie dorthin gehen, wo es verboten ist.

Seine Standpunkte gut zu begründen war Sarkos Sache nicht. Ansonsten war er doch ein lustiger Kerl, der oft für gute Stimmung sorgte.
  • Berühmt wurde die Schwindelei von seiner angeblichen Anwesenheit beim Fall der Berliner Mauer. Der Online Spiegel berichtete enthusiastisch am 8. November 2009 davon, Sarkozy hätte dies mit einem Foto auf Facebook bewiesen. Aber schon einen Tag später flog der Betrug auf und die Welt spottete berechtigtermaßen und ganz ausführlich darüber. Die verschiedenen Fotomontagen, die Sarkozy unter dem Motto "Ich war dabei" karikierten, bringen einen noch heute zum Lachen!





  • Sein Auftritt nach dem Treffen mit der russischen Delegation beim G8 Gipfel im Juni 2007 war nicht minder komisch: 





  • Einmal fühlte ich mich sogar bemüßigt ihn gegenüber dem Infotainment zu verteidigen:




  • Und leider ging sein "off the micro" Sager über Netanyahu völlig unter.



Schauen wir mal, auf welchem Teil der politischen Bühne Sarkozy demnächst wieder auftauchen wird, um "das auszuüben, was wir gemeinhin "Macht" nennen". 



 *Sarkozy, Nicolas: Bekenntnisse. Frankreich, Europa und die Welt im 21. Jahrhundert. Goldmann. München, 2008. (Einleitung, S. 27)
** (Kapitel 5, S. 118)

Sunday, May 27, 2012

Kritischer Rationalist, 7 Jahre alt


"Meine Eltern lebten streng nach dem jüdischen Glauben, wir aßen koscher und gingen in die Synagoge. Sie sagten mir, dass ich beim Gottesdienst den Blick gesenkt halten müsse, weil Gott dann anwesend ist. Und wer Gott ins Angesicht sieht, müsse sterben. Ich dachte viel darüber nach. Ich überlegte mir: Naja, wenn es wirklich so kommt, wäre das schon sehr schade. Aber ich dachte, es ist einen Versuch wert. Eines Tages schaute ich also während des Segens hoch. Da war kein Gott. Ich hatte das Gefühl: Ich bin belogen worden. Darüber bin ich nie weggekommen. Ich war damals vielleicht so sieben Jahre alt. Ich habe in einer Synagoge den Glauben verloren." Der amerikanische Literaturkritiker Stephen Greenblatt auf die Frage, wann er zum Atheismus bekehrt wurde

Der siebenjährige Stephen Greenblatt war - ohne es zu wissen - ein gestandener kritischer Rationalist im Sinne eines Karl Popper oder Hans Albert. Er wollte wissen, ob das, was ihm seine Eltern unter Todesdrohung weismachen wollten, der Wahrheit entsprach. Und nach langem Nachdenken kam er zu dem Entschluß, das experimentum crucis zu wagen, das seine Welt verändern sollte. Schon als Kind hatte er über das verfügt, was selbst gläubigen Erwachsenen fehlt: die Kühnheit, die familiär und kulturell ererbten Dogmen einer strengen Prüfung zu unterziehen.

Natürlich ist es ein weiter Weg von der schmerzhaften Erkenntnis der elterlichen Lüge zur Ansicht, daß Götter nicht existieren. Aber darum geht es hier nicht. Hier geht es um den Mut und die kritische Einstellung, die Kinder schon sehr früh gegen alle Widerstände ihrer Umgebung entwickeln können (oft nur im geheimen).

Sicherlich ist Greenblatt kein Einzelfall. Manche Kinder kommen durch ganz ähnliche Umstände zu der schmerzhaften Erkenntnis von ihrem Umfeld belogen zu werden. Kühnheit, Mut oder Wißbegierde müssen nicht die ausschlaggebenden Gründe sein, natürlich kommen auch  andere typische Merkmal von Kindern in Frage wie ihre Verspieltheit oder Unvoreingenommenheit. Hier ein weiteres Beispiel, bei dem eher kindlicher Trotz oder Unbeherrschtheit eine Rolle spielen:

ein Sechsjähriger erzählt, er hätte Gott in Gedanken mit einem sehr bösen Schimpfwort bedacht, nur weil man ihm versichert hatte, daß Gott all diejenigen straft, die ihn beschimpfen. Er tat es trotzdem. Er hatte sich einfach nicht zurückhalten können - es war zu verlockend es auszuprobieren. Da zunächst nichts geschah, dachte der junge Mann, er hätte gewonnen. Aber die Eltern hatten ihm auch erzählt, die Strafe müsse nicht sogleich erfolgen ("Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort, bei großen läßt er sich Zeit"). Das verwirrte ihn sehr, denn diese These konnte er nicht mehr widerlegen, - das hatte er folgerichtig erkannt: sie war zu unbestimmt um überprüfbar zu sein (wie so viele Dogmen). Tatsächlich ist die These sogar pathologisch unterdeterminiert

Aber was auch immer die kindliche Motivation sein mag, gegen religiöse Indoktrination zu rebellieren, der Ausgang bleibt oft genug ungewiss. Während der kleine Greenblatt mit einem einfachen Experiment erfolgreich war, konnte dies im letzteren Fall nicht mehr ausreichen. Im Gegenteil, die Moral von den "kleinen Sünden" ist eine Falle, aus der ein Kind ohne Hilfe nicht mehr so leicht herauskommt. Psychologische Nachwirkungen nicht ausgeschlossen. Der Fall mag harmlos erscheinen, aber es gibt natürlich viel beängstigerende Praktiken im Bereich religiöser Erziehung. Im 21. Jahrhundert werden Kinder immer noch in Koranschulen, Thoraschulen, buddhistische Klöster und christliche Anstalten gesteckt, wo sie unter Zwang die heiligen Schriften auswendig lernen müssen, bevor sie reif genug sind, sie zu beurteilen. Jeder weiß, daß dahinter Methode steckt.

Religionen haben früh die Strategie entwickelt, sich die intellektuelle Wehrlosigkeit von Kindern zunutze zu machen, um die Verbreitung ihrer Ideologie abzusichern. Eine bequeme und effektive Methode. Daß sie dabei oft auf Angst und sozialen Druck zurückgreifen ist bekannt. Selbst den Gesetzgebern moderner Staaten ist dies bewußt und trotzdem werden Religionen noch immer subventioniert und rechtlich gegenüber Spott und Verunglimpfung geschützt. Eines der besseren Kapitel (Kap. 9) in Dawkins "Gotteswahn" beschäftigt sich mit den körperlichen und psychischen Mißhandlungen, denen Kinder während ihrer religiösen "Erziehung" ausgesetzt sind und an deren Folgen sie oft ein Leben lang leiden. An solchen Fällen läßt sich das Ausmaß der Folgeschäden ablesen, wenn ein Kind es nicht schafft sich rechtzeitig von den einengenden und beängstigenden Theorien und Praktiken seiner irregeführten Umgebung zu befreien. Wieviele Kinder wären an Greenblatts Stelle so verängstigt gewesen, daß sie beim Aufschauen tatsächlich etwas "gesehen" hätten?


Empfehlungen: Video: "Jesus Camp" (deutsch, über die Praxis in den USA "christliche Dschihadisten" heranzuziehen)
Video: Christliche Fundamentalisten in Deutschland
ARTE DOKU: Christlicher Fundamentalismus


Friday, May 25, 2012

Das Sirren über unseren Köpfen


"Auf dem Grat des Bergrückens, neben einer verlassenen Schäferhütte, liegt das traumhafte Ziel unseres Aufstiegs: Paschinkanda, eine Wiese an einer Quelle, umrahmt von majestätischen Tannen. Wenn nur das Sirren nicht wäre.
Es beginnt ganz leise, kommt näher, entfernt sich wieder - und ist das Geräusch der Drohnen der US-Armee, irgendwo im Himmel über uns."


 Austrian Armed Forces Photograph/Sigi Schwärzler
"http://www.bundesheer.gv.at

Das Zitat stammt aus dem Reisebericht "Die Andertaler" von Christoph Reuter in GEO, 06/Juni2012. Darin geht es um das afghanische Tal Darah-i-Nur im Grenzgebiet zu Pakistan, dessen Bewohner sich bis heute erfolgreich gegen einen Zutritt von US Militärs und von Taliban Kämpfern wehren. An das Sirren der Drohnen am Rande ihres Tals haben Sie sich gewöhnt ("Die Amerikaner bombadieren wieder einmal das Tal nebenan").

Das Gerät erfreut sich weltweit zunehmender Beliebtheit, besonders bei Geheimdiensten und Militärs, sogar in Österreich (Foto). Die Anzahl der bei US Drohnenattacken getöteten und verletzten Zivilisten ist allerdings hoch. In den USA werden unbemannte Drohnen auch schon zuhause zur Überwachung der störrischen Zivilbevölkerung eingesetzt ("domestic drones"), vorzugsweise bei Demonstrationen. Man kann gespannt sein, wie lang es dauern wird, bis auch die Europäer das Sirren über ihren Köpfen hören werden. Ob wir uns selbst auch Drohnen zulegen werden (können/sollen), wie die Occupy-Bewegung in den USA? (siehe "Occucopter")
Jedenfalls ist das Drohnengeschäft äußerst einträglich - das Überwachungsbusiness floriert. Der Kaviar-Kanonenindex zeigt unaufhörlich nach oben.

Und wie geht die Geschichte aus dem Darah-i-Nur Tal weiter?

"Langsam bezweifeln wir, daß es eine gute Idee war, mit einem halben Dutzend Mann und Waffen durch den Wald zu ziehen, ohne wenigstens eine Schafherde dabeizuhaben. Aus der Luft müssen wir exakt so aussehen wie jene, vor denen wir uns fürchten: die Taliban."


update 2012-07-03: Report: U.S. Firms Lobbying for Drone Sales Abroad
update 2012-09-13: Suicide-bombs without the suicides: why drones are so cool
update 2012-09-20: US-Medienforscher: Drohnen gehören zur Zukunft des Journalismus


Thursday, May 17, 2012

Warum die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs immer noch diktieren


Kennen sie die "Small Five" oder "S5"? So wird die aus den fünf Kleinstaaten Schweiz, Costa Rica, Singapur, Jordanien und Liechtenstein Gruppe bezeichnet. Kürzlich wagte diese einen Mini-Aufstand gegen das anachronistische Regime der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs im U.N. Sicherheitsrat. Dabei waren die Forderungen der Gruppe minimal.


Weltmächte lassen Kleinstaaten auflaufen
Die Schweiz und vier Verbündete müssen Uno-Initiative begraben

Tuesday, May 15, 2012

Wieder eine Fälschung?



Kürzlich erschienen im österreicheischen Standard:


indem berichtet wird, der "iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad hätte den Erzfeind Israel als "Moskito" bezeichnet, der die langfristigen Ziele Teherans nicht beeinflussen könne". Weiter heißt es:

"Am Freitag hatte Ahmadinejad bereits den Judenstaat als "Belästigung für die Menschheit" gewertet. "Es scheint, dass die Zionisten (Israel) am Ende eines Tages keine Ruhe haben, wenn sie keine Jugendlichen in Palästina umbringen oder dort keine Häuser zerstören", sagte er laut einer Meldung der Nachrichtenagentur FARS vom Sonntag. Es sei kein Krieg notwendig, um das israelische Regime zu zerstören. Die arabischen Staaten "bräuchten nur ihre Beziehungen zu den Zionisten zu beenden, anstatt ihre Öleinkommen unnötig für Waffen (aus dem Westen) auszugeben", sagte er."

Laut Standard stammt der "Bericht" (der wie die billigste Propaganda klingt) von der APA (Austria Presse Agentur), die von der staatlichen iranischen Nachrichten Agentur FARS zitiert. Geht man zur website von  FARS, findet man den Artikel nicht (im englischsprachigen Teil wenigstens, es gibt allerdings noch den türkischen, arabischen und persischen Teil). Die wahre Quelle - in derselben Form, in der der Artikel im Standard erschien -  scheint jedoch ein Artikel von CNN zu sein:


Dessen Autoren sind demnach der "CNN Wire Staff" unter Mitwirkung eines Herrn namens Azadeh Ansari. Sonstige Quellen werden keine angegeben. Andere große englisch- und deutschsprachige Zeitungen scheinen dieses kuriose Erzeugnis nicht weiterverbreitet zu haben. Seltsam. Sieht wie eine Fälschung aus. Die Presse sollte verpflichtet werden ihre Quellen zu offenbaren, mindestens wenn es sich um öffentliche Reden handelt!